Konflikt

"Jetzt ist es an der Zeit zu kämpfen"

Bei israelischen Luftangriffen auf den Gazastreifen sind nach Angaben einer palästinensischen Behörde mindestens 230 Menschen getötet und mehr als 300 verletzt worden. Die israelische Armee hatte am Mittag mit Kampfflugzeugen Gaza-Stadt sowie weitere Ziele im Norden und im Süden des Gazastreifens attackiert.

- Hamas-Sprecher Fausi Barhum kündigte unmittelbar nach den Luftangriffen Rache an. Während die Europäische Union die israelische Regierung und die Palästinenserorganisation Hamas aufrief, ihre gegenseitigen Angriffe zu beenden, erklärte Israel, der gestrige Militärschlag sei nur der Anfang gewesen.

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak drohte am Nachmittag mit einer Ausweitung der gerade begonnenen Militäroffensive im Gazastreifen, falls dies als notwendig erachtet werde. Israel werde es nicht zulassen, dass die radikalislamische Hamas-Bewegung weiterhin Raketen und Mörser auf südisraelische Gemeinden abfeuere. "Es gibt eine Zeit der Ruhe, und es gibt eine Zeit der Gefechte, und jetzt ist es an der Zeit zu kämpfen", sagte Barak vor Journalisten in Jerusalem.

Raketen schlugen nach Schulschluss ein

Die israelischen Luftangriffe auf die Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen kamen gestern überraschend. Die israelische Regierung hatte der Hamas am Freitag noch ein Ultimatum von 48 Stunden gestellt, um die Raketenangriffe auf das israelische Grenzgebiet einzustellen. Doch dann griff die israelische Armee schon gestern an. Unter der Bevölkerung brach Panik aus. Die Hamas-Sicherheitseinrichtungen, die das Ziel der Kampfflugzeuge waren, liegen häufig mitten in Wohngebieten. Die ersten Raketen schlugen kurz nach Schulschluss ein, als die Schüler auf dem Heimweg waren. Über der Stadt Gaza stiegen mindestens zehn dicke Rauchwolken auf. Augenzeugen berichteten auch von Luftangriffen auf Beit Lahia und Dschabalia im nördlichen Gazastreifen sowie Ziele im Süden. Der arabische Fernsehsender al-Dschasira zeigte chaotische Szenen in Gaza. Dutzende junge Männer lagen reglos in ihren Polizeiuniformen auf der Straße. Sie sollen an einer Abschlusszeremonie teilgenommen haben, als die F-16-Kampfflugzeuge angriffen.

Vor dem Krankenhaus von Gaza spielten sich dramatische Szenen ab. Im Minutentakt trafen dort Patienten ein. Inzwischen bat das Krankenhaus um Blutspenden, um den Schwerverletzten zu helfen. Außerdem könne man keine weiteren Verletzten mehr aufnehmen. "Wir haben keinen Platz mehr", sagte ein Mediziner. "Die Kinder schreien. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Sollen wir zu Hause bleiben oder auf die Straße gehen. Wo ist es sicher? Um uns herum ist überall Rauch. Wir haben keinen Strom, wir wissen nicht, was wir tun sollen", sagte eine verzweifelte Mutter von fünf Kindern. Weil das Mobiltelefonnetz zusammenbrach, gab es Schwierigkeiten, ärztliche Hilfe zu holen. Nach Angaben des Hamas-Gesundheitsministers im Gazastreifen, Bassem Naim, starben mindestens 210 Menschen, 300 wurden verletzt. Das sei die höchste Opferzahl an einem Tag seit dem Sechstagekrieg von 1967, hieß es. Unter den Toten ist auch der Polizeichef der Hamas, Taufik Dschaber. Laut Hamas wurden mindestens 140 ihrer Mitglieder getötet.

Der Fernsehsender al-Dschasira zeigte Dutzende Trümmerberge, die bei dem jüngsten Luftangriff entstanden sein sollen. Bei den getroffenen Gebäuden soll es sich um Polizeistationen und Sicherheitseinrichtungen der Hamas handeln. Laut der Palästinenserorganisation wurden alle ihre Sicherheitseinrichtungen zerstört, der israelische Rundfunk meldete, es seien mindestens 40 Ziele angegriffen worden. Die israelische Militärführung teilte mit, bis zum späten Nachmittag seien mehr als 100 Tonnen Bomben über dem Gazastreifen abgeworfen worden.

Die israelische Regierung verhängte an der südisraelischen Grenze zum Gazastreifen den Ausnahmezustand und forderte die Bewohner auf, Schutzeinrichtungen aufzusuchen. Ägypten, das im Süden an den Gazastreifen grenzt, öffnete seine Grenze, um palästinensische Verletzte aufzunehmen. Ärzte im größten Krankenhaus in Gaza sagten, sie könnten keine Verletzten mehr behandeln. "Wir haben keinen Platz mehr", erklärte ein Mediziner im Schifa-Krankenhaus.

Palästinenser drohen mit Rache

Der im Exil lebende Chef der radikalislamischen Hamas, Chaled Maschaal, rief die Palästinenser zu einer neuen Intifada gegen Israel auf. In einem Interview mit dem Fernsehsender al-Dschasira forderte er die Palästinenser zudem zu Selbstmordattentaten auf. Der Angriff des Feindes müsse gerächt werden, sagte Hamas-Sprecher Fausi Barhum im Hörfunk. Die Hamas werde auf dieses "Blutbad" antworten, und Israel werde einen Preis bezahlen. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte die Luftangriffe. "Der Präsident fordert die israelische Regierung auf, diese Aggression sofort zu beenden", sagte der Sprecher von Abbas in Ramallah.

Nach dem Aufruf von Hamas-Sprecher Barhum wurden Raketen auf Israel abgefeuert. In der Stadt Netiwot sei dabei eine Person getötet worden, teilte der Rettungsdienst mit. Zwei weitere wurden den Angaben zufolge verletzt.

Die Luftangriffe sind nach Angaben eines Armeesprechers erst der Anfang des Einsatzes gegen die Hamas gewesen. "Das kann dauern", sagte Avi Benjahu. Es gebe keine Frist für ein Ende des Einsatzes, der auf einen Kabinettsbeschluss hin begonnen habe. Da die Vorbereitungen im Geheimen abgelaufen seien, seien die Angriffe für die Hamas überraschend gekommen.

Waffenstillstand endete am 19. Dezember

Der israelische Präsident Schimon Peres schloss einen Einmarsch der Armee im Gazastreifen aus. "Es wird keinen Krieg geben. Wir werden nicht in Gaza einmarschieren", sagte Peres in einem Interview mit der saudi-arabischen Zeitung "Ashraq al-Awsat", das allerdings vor Beginn der Luftangriffe geführt worden war.

Israel hatte den militanten Palästinensergruppen im Gazastreifen mit einem Militärschlag gedroht, falls sie den Raketenbeschuss von israelischen Grenzgemeinden nicht einstellen sollten. Gestern Morgen war wieder eine selbst gebaute Rakete im Kibbuz Schaar Hanegev eingeschlagen und hatte ein Verwaltungsgebäude beschädigt. Seit dem Ende einer Waffenruhe am 19. Dezember haben militante Palästinenser nach Armeeangaben mehr als 180 Raketen und Mörsergranaten auf israelische Grenzgemeinden gefeuert. Dort leben 125 000 Israelis mit der ständigen Gefahr, bei einem Angriff getötet zu werden. Die Vorwarnzeit bei einem Angriff liegt in einigen Städten und Kibbuzen bei 15 Sekunden.

Die Europäische Union rief die israelische Regierung und die palästinensischen Extremisten auf, ihre gegenseitigen Angriffe zu beenden. Die EU verurteile die unverhältnismäßige Gewalt, hieß es in einer Erklärung der französischen Ratspräsidentschaft. "Es gibt keine militärische Lösung in Gaza", betonte die EU. Zugleich wurde die israelische Regierung aufgefordert, die Blockade des Gazastreifens aufzuheben und Hilfslieferungen zu ermöglichen.