Die Frauen haben sich durchgesetzt

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Patrick Krull

Foto: sts/gh nic

Am Anfang vom Ende des Verbots stand erst einmal Respektlosigkeit und ein krudes Frauenbild.

Zürich - Am Anfang vom Ende des Verbots stand erst einmal Respektlosigkeit und ein krudes Frauenbild. Jahrzehntelang hatte sich der Deutsche Fußball-Bund standhaft gewehrt, Frauen Einlass in seinen Kreis zu gewähren. Der ehemalige Verbandspräsident Hermann Neuberger sah sie gar "lieber beim Tennis oder Turnen als auf dem Sportplatz". 1970 aber knickten auch die Machos des DFB ein. Die älteren Herren mussten das Verbot des Frauenfußballs zähneknirschend aufheben, der Druck in der Öffentlichkeit war zu groß geworden.

Heute mutet das unglaublich an. Deutschland hat als Vorzeigeland des Frauenfußballs gerade den Zuschlag zur Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2011 erhalten und im September dieses Jahres seine WM-Titelverteidigung in China gefeiert. Kein Nationalteam war je erfolgreicher. Bis es aber so weit kommen konnte, war den Frauen viel Geduld, Nachsicht und Standhaftigkeit abverlangt worden.

"Moralisch verwerflich"

Anfang des 20. Jahrhunderts durften sie sich gerade mal im Kreis den Ball zuspielen, doch selbst das galt als "moralisch verwerflich". Es gab zarte Versuche der Emanzipation im Strafraum, doch die wurden stets und schnell unterbunden. Als es 1955 zu einer Art Länderspiel einer deutschen und einer niederländischen Auswahl in Essen kam, beschloss der empörte DFB, den Frauen das Fußballspielen zu verbieten.

Heute preist der Verband seine Frauen und Mädchen als Wachstumsgaranten. Das Potenzial bei den Jungs und Männern ist nahezu ausgeschöpft, der demografische Faktor setzt dem DFB zu. Der Pillenknick ist Gift für das Spiel mit der Pille. Abhilfe verheißt nur der weibliche Bereich, dort ist auf Zuwachsraten zu hoffen, und die Verbandsbosse werden nicht enttäuscht. Knapp eine Million spielen mittlerweile in insgesamt 10 557 Frauen- und Mädchenteams. Tendenz steigend. Fußball ist bei den Frauen Sportart Nummer zwei in Deutschland hinter Turnen. "Nur wenn wir im Frauen- und Mädchenbereich um 10, 15 oder 20 Prozent zulegen, können wir unser Mitgliederniveau halten", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Er gilt als großer Fürsprecher und Förderer der Damen, seine Vorgänger waren eher Verhinderer und Ignoranten.

70 Minuten, keine Stollen

Als Verbandsboss Hermann Gösmann am 30. Oktober 1970 beim Verbandstag in Travemünde das Frauenfußballverbot aufhob, verband seine Riege das mit wahnwitzigen Auflagen. Wegen ihrer "schwächeren Natur", wie es hieß, mussten Frauenteams gleich eine halbjährige Winterpause einlegen. Stollenschuhe waren verboten, die Bälle natürlich leichter und auch kleiner und ein Spiel durfte nur 70 Minuten dauern. Später wurde die Spielzeit auf 80 Minuten erhöht, erst seit 1993 durften es die Frauen den Männern gleichtun und 90 Minuten spielen. Heutzutage reichen zumindest die Fitnesswerte von Nationalspielerinnen wie Birgit Prinz oder Renate Lingor an männliche Profis heran.

Wenngleich ihnen der Vergleich mit den Männern stets auf die Nerven geht. Die heutige Bundestrainerin Silvia Neid wurde während ihrer aktiven Karriere wegen ihrer Spielkunst gern mit Lothar Matthäus verglichen, was sie irgendwann mit einem legendären Satz konterte. Sie sei nicht er, "dazu fehlen mir an meinem Körper die entscheidenden fünf Gramm".

Stärkste Bundesliga der Welt

Doch das war noch zu einer Zeit, als es den Frauen an Akzeptanz fehlte. Heute gilt die Bundesliga neben der schwedischen als stärkste der Welt, es gibt als Oberbau eine erste und zweite Liga, Serienmeister (6 Titel seit 1999) 1. FFC Frankfurt ist mit zwei Erfolgen im Uefa-Cup zum internationalen Aushängeschild der Branche geworden, und die Nationalmannschaft hat einen leistungsstarken Talentschuppen als Unterbau. Deutschland hat eine rosige Zukunft im Frauenfußball vor sich, der Zuschlag zur WM wird den positiven Trend noch einmal verstärken.

Damit es aber erst einmal zu einer Entwicklung kommen konnte, war Improvisationstalent gefragt. So wurde mangels einer Nationalmannschaft 1981 zur inoffiziellen Weltmeisterschaft der Rekordmeister SSC Bergisch Gladbach (neun Titel) nach Asien geschickt. Der gewann zwar prompt das Turnier, doch die Vakanz berührte die DFB-Granden peinlich. Neuberger erkor schließlich den Cheftrainerausbilder Gero Bisanz als Mann für seine ungeliebten Frauen. Bisanz hatte im Vorfeld der Entscheidung gehofft, der Kelch würde an ihm vorübergehen, doch Neuberger war unerbittlich, und er glaubte, den Richtigen gefunden zu haben.

Bisanz war auch Dozent an der Sporthochschule Köln, und es wurde gemunkelt, dass er seine Studentinnen doch tatsächlich während der Seminare Fußball trainieren ließ. Bisanz sagt später, von Trainieren könne keine Rede sein, er habe sie lediglich "methodisch eingewiesen". Doch das half nichts. Er musste ran, was ihm noch Jahre später in der Trainergilde viel Spott einbrachte.

Mittlerweile ist die Zahl der Lästerer weitaus geringer geworden. Bisanz gewann bei der ersten Teilnahme an der Europameisterschaft 1989 gleich das Turnier. Seitdem sind die deutschen Frauen nur 1993 nicht Europameister geworden, alles in allem aber schon sechs Mal.

Bisanz hat das zunächst einmal Nerven gekostet. Er wusste nichts vom Kick des anderen Geschlechts und fragte seine Studentin Tina Theune-Meyer, wo denn wohl einigermaßen guter Frauenfußball zu vermuten sei. Sie lotste ihn nach Bergisch-Gladbach. Der Stamm der späteren Nationalelf war gefunden, die Nachfolgerin von Bisanz auch. 1996 beerbte Theune-Meyer den Pionier. Der wurde gleich zu Beginn auf die Probe gestellt, eine der ersten Mannschaftssitzungen hatte es gleich in sich. "Was passiert? Plötzlich sehe ich, wie eine der Spielerinnen die Beine übereinander schlägt, in die Tasche greift und sich eine Zigarette anzündet", erzählt Bisanz.

Kein Massensport

Mittlerweile sagt er, dass man sich als Mann ohne Schmerzen Spiele der Frauen anschauen könne: "Früher war das eine Volksbelustigung, wo jeder nur auf den Trikottausch gelauert hat. Heute ist es Bundesliga."

Die zieht zwar nicht Massen an. Lediglich Spitzenteams wie der 1. FFC Frankfurt kommen auf einen passablen Schnitt, der Rest ist eher ein lokales Ereignis vor ein paar Hundert Anhängern. Doch die meisten Klubs der Liga schütteln durch die Unterstützung des DFB in den vergangenen Jahren ihre Subprofessionalität mehr und mehr ab. Der Verband entsendet kostenlos Marketing- und Managementexperten in die Vereine, er optimiert die Nachwuchsförderung und investiert zusehends mehr Geld in strukturelle Verbesserungen. Und es soll noch mehr werden. Präsident Zwanziger hatte schon vor dem WM-Zuschlag in Aussicht gestellt, dass es im Erfolgsfall "in der Unterstützung des Mädchen- und Frauenfußballs richtig knallen wird".

Erster WM-Titel 2003 in USA

Das erste Mal hatte sich das in Deutschland richtig entladen, als die Frauen in den USA 2003 den ersten WM-Titel holten. Berti Vogts hatte zwar bei seinen Spielkommentaren noch in die Irre geführt, als er behauptete, hinten spiele das deutsche Team "Mann gegen Mann". Die Republik aber ließ sich nicht beirren und war eine Zeit lang im Frauenfieber. Als das Kunststück Ende September wiederholt wurde, brach sich eine kleine Manie Bahn. Die Frauen werden in Deutschland zwar wohl nie den Männern den Rang ablaufen. Zu dominant und allgegenwärtig ist das Schaffen von Künstlern wie Ribéry, Diego und Co. Dieser riesige Freiraum für Identifikation, Projektion und Mythen wird wohl auf ewig uneinnehmbar sein. Aber wenigstens zahlen sich Erfolge für Frauen mittlerweile aus. Für den WM-Titel in China überwies der DFB jeder Nationalspielerin 50 000 Euro. Neuberger blieb sich beim ersten Titelgewinn 1989 bei der EM in Deutschland treu: Er speiste jede Akteurin mit einem Kaffeeservice und Bügelbrett ab.