Pulverfass Gazastreifen explodiert

| Lesedauer: 2 Minuten

"Das ist Wahnsinn, Wahnsinn, was da im Gazastreifen passiert." Verzweifelt ringt Palästinenserpräsident Mahmud Abbas um Fassung.

Gaza - "Das ist Wahnsinn, Wahnsinn, was da im Gazastreifen passiert." Verzweifelt ringt Palästinenserpräsident Mahmud Abbas um Fassung. Doch seine Trauer, Wut - und die Appelle zum Frieden gehen unter im Stakkato der Maschinengewehre.

Das Pulverfass Gaza-Streifen ist explodiert. Der Bruderkampf zwischen Abbas' gemäßigter Fatah-Organisation und der radikalislamischen Hamas ist zum offenen Bürgerkrieg geworden. Und die Fatah ist am verlieren.

Mit großer Brutalität übernehmen Kämpfer der radikal-islamischen Hamas die Kontrolle über das Palästinensergebiet. Abbas spricht von einem Putsch. Der Gazastreifen werde kollabieren. Bei den blutigen Kämpfen mit der Fatah starben gestern erneut mindestens 24 Menschen, insgesamt 74 seit Ausbruch des Bruderkrieges am vergangenen Donnerstag.

Die Hamas geht nach einem klar kalkulierten Plan vor. Sie übernahm zunächst systematisch die Kontrolle über immer mehr Bezirke im nördlichen Gazastreifen. In der Nacht hatten Hamas-Milizionäre dann ein Hauptquartier der zur Fatah gehörenden Sicherheitskräfte im Norden des Gazastreifens eingenommen. Dabei wurden mindestens 21 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Am Mittwoch eroberte sie dann strategisch wichtige Kontrollpunkte der Fatah an einer wichtigen Nord-Süd-Verbindungsstraße sowie an der Küste.

In Chan Junis im Süden des Gazastreifens sprengten Hamas-Kämpfer nach Angaben von Augenzeugen ein Quartier der Sicherheitskräfte in die Luft und töteten dabei mehrere Menschen. Die Miliz habe das Gebäude untertunnelt und einen großen Sprengsatz darunter gezündet, berichteten Augenzeugen.

Am frühen Morgen griffen Hamas-Kämpfer das Hauptquartier des Geheimdienstes in Gaza an, wie Augenzeugen berichteten. Den Kampf um die Schlüsselpositionen in der Stadt Gaza wollte die Hamas sich offensichtlich bis zuletzt aufheben. Im Rundfunk wurde jedoch schon damit gedroht, die Offensive werde schon bald auf den Präsidentensitz und auf das Hauptquartier der Sicherheitskräfte in Gaza ausgeweitet.

In einem Flugblatt stellte die Kassam-Miliz der Hamas den Polizeikräften ein 48-stündiges Ultimatum zur Niederlegung der Waffen. Andernfalls würden sie "verfolgt". "Bis auf vier Hauptquartiere in Gaza haben wir die Kommandoposten der Polizei komplett eingenommen", sagte ein Hamas-Sprecher. Einzig die Residenz von Abbas, das Polizeihauptquartier in Gaza, die Geheimdienstzentrale in der Stadt und eine weitere Sicherheitszentrale in der Stadt seien nicht unter Kontrolle der Hamas.

Die Bewohner von Gaza wagten sich derweil kaum noch auf die Straße. "Ich weiß nicht mehr, wie ich meine Kinder trösten soll", sagte Wafa Dschaber, die mit ihren fünf Kindern in ihrer Stadtwohnung eingeschlossen war. "Fatah und Hamas führen uns in Tod und Zerstörung", klagte die 29-jährige Ajja Chalil. "Sie kümmern sich überhaupt nicht um uns."

BM