Deutschlands lustigster Arzt

Unsere Autorin Elisalex Clary im Gespräch mit Eckart von Hirschhausen Mein Kloster" nennt Eckart von Hirschhausen den Schlachtensee.

Unsere Autorin Elisalex Clary im Gespräch mit Eckart von Hirschhausen

Mein Kloster" nennt Eckart von Hirschhausen den Schlachtensee. Die Pfade, die um ihn herumführen, erinnern ihn an einen Kreuzgang. Die Zeit, die er hier verbringt, gibt ihm Ruhe. Er meidet die Tage, an denen sich die Menschen wie Sardinen zwischen die Bäume am Ufer quetschen. Er kommt lieber, wenn der See so beschaulich da liegt wie an diesem Nachmittag: Vor der Fischerhütte blüht schon der Weißdorn, aber die allermeisten Tische sind noch unbesetzt. Kein Wunder, wir haben schließlich Mittwoch.

Eckart von Hirschhausen fährt oft an den Schlachtensee, wenn andere Menschen keine Zeit für Ausflüge haben. "Ich lebe ein bisschen antizyklisch", sagt er, "das ist der Vorteil am Künstler-Dasein." Hirschhausen war früher Arzt, doch sein mit "magna cum laude" abgeschlossenes Studium dient ihm heute vor allem als Inspiration für seine Arbeit als "medizinischer Kabarettist". Er sieht das nicht als Bruch in seiner Biografie, denn er hat sich ein hohes Ziel gesteckt: Er will weiter heilen - nur mit Humor statt mit Stethoskop.

Obwohl der 39-Jährige seit eineinhalb Jahren höchst erfolgreich mit seinem Programm "Glücksbringer" durch Deutschland tourt, beschränkt sich die Praxis Dr. Hirschhausen längst nicht mehr auf die Bühne: Hirschhausen gibt Managern Nachhilfe in Sachen Humor, hält Vorträge über "Lachen als Lebenskraft" und hat bei Langenscheidt gerade ein nicht ganz ernst gemeintes Wörterbuch für fachchinesischgeschädigte Patienten herausgebracht. "Arzt - Deutsch, Deutsch - Arzt" ist bereits ein Bestseller, zwei Wochen nach Erscheinen soll es morgen gar auf Platz eins der Taschenbuch-Bestsellerliste von Spiegel Online landen. Die Deutschen scheinen die Medizin zu mögen, die Hirschhausen verschreibt.

"Wenn es weiter so gut läuft, kaufe ich mir dieses Haus da drüben", sagt er lachend und zeigt auf eine kleine weiße Villa am gegenüberliegenden Ufer des Sees. Seit zwei Jahren wohnt er in Prenzlauer Berg, davor lebte er in Schöneberg, aufgewachsen aber ist er in Zehlendorf, ganz nah von hier, und den Schlachtensee vermisst er am meisten, da mag seine neue Heimat ein noch so "kreatives, buntes, inspirierendes Umfeld" sein. "Irgendwann", sagt er, "werde ich wohl in diese Ecke zurückziehen."

Gesund leben, nicht zu "viel Quatsch" essen

Bis dahin versucht er, wenigstens einmal pro Woche zum Laufen zu kommen. Er lebt auch sonst gesund, bemüht sich vor allem, "nicht zu viel Quatsch zu essen", von Verboten hält er aber wenig - "die wecken nur den inneren Schweinehund, denn die natürliche Reaktion auf Regeln ist Trotz." Und genau das sei das größte Problem der Medizin: Die Menschen halten sich einfach nicht an die Ratschläge ihres Arztes. Hirschhausen setzt auf andere Methoden: "Ich rate ihnen zum Beispiel, sich eine brutale, aber einfache Frage zu stellen, bevor sie sich etwas in den Mund schieben, nämlich: Will ich daraus bestehen?"

Hirschhausen hat sich das offenbar oft genug gefragt, denn an seinen letzten Arztbesuch kann er sich selbst nach längerem Grübeln nicht erinnern. Das passt, er sieht gesund aus, der Mann, aber vor allem bietet er Material für mehrere Traumschwiegersöhne: braune Augen, die zum grünen Pullover passen, ein "von" im Namen und Umgangsformen, für die "galant" ein Hilfsausdruck ist: Auf unserem Weg erkundigt er sich, ob der "Dame" ihre Tasche nicht zu schwer wird, ob ihre Stiefel dem Waldboden standhalten und ob sie etwas gegen die Kälte braucht.

Es läge nahe, seine Höflichkeit auf seine Herkunft aus "baltischem Verdienstadel" - seine Vorfahren haben weder Schlösser gebaut noch Bauern unterworfen, sondern sich für die Erforschung der estnischen Sprache eingesetzt - zurückzuführen. Vielleicht rührt sie aber eher daher, dass er viel darüber nachgedacht hat, was Menschen bei Medizinern vermissen: angehört, umsorgt, ernst genommen zu werden. "Ein Großteil der Medizin ist immer Seelenheilkunde gewesen", sagt er, "doch dafür fehlt den Ärzten in unserem Kassensystem oft die Zeit, deshalb sind ja auch Heilpraktiker so beliebt." Diese Erkenntnis hat ihn auch als Kabarettisten geprägt: Während sich das Programm "Sprechstunde" noch hauptsächlich um weiße Kittel, Homöopathie und Eigenurin drehte, hat er "Glücksbringer" ganz der Seele gewidmet und sich vorgenommen, "mehr brauchbare Ratschläge zu geben als zwei Meter Selbsthilfebücher". Die titelgebenden Glücksbringer kommen dabei gar nicht gut weg: Sucht nicht nach vierblättrigen Kleeblättern!, lautet eine von Hirschhausens Maximen, denn wer sein Glück an seltene Dinge bindet, darf sich nicht wundern, wenn er selten glücklich ist. Er plädiert für einfache Dinge: "Oft reicht es, das zu tun, was wir gerade tun: Raus gehen, die Sonne genießen, sich unterhalten."

Glück ist nicht eine Frage der Wahrnehmung

Das klingt überzeugend, besonders, wenn man gerade am südwestlichen Ende des Sees angekommen ist und die gerade erst ergrünten Bäume an seinem Ufer gut im Blick hat. Glück, sagt Hirschhausen noch, sei nicht eine Frage der Wahrnehmung, sondern der Bewertung dessen, was unsere Sinne an Information liefern: "Wenn der Bauchnerv ein Signal sendet und ich bin gerade verliebt, freue ich mich über "Schmetterlinge im Bauch'. Bin ich schlecht drauf, denke ich bei dem gleichen Signal: Nie wieder Fischbrötchen."

Die Einträge im Gästebuch seiner Webseite sprechen dafür, dass seine Botschaft ankommt: "Sie haben uns gezeigt, wie einfach es ist, Glück zu schenken, und es auch anzunehmen", so eine Zuschauerin. "Meine Frau und ich hatten beide Krebs", schreibt ein anderer, "und unterstreichen jedes ihrer Wörter zum Thema Glück."

Obwohl er Robert Gernhardt und Loriot als Vorbilder bezeichnet, steht Hirschhausen auch zu Kalauern, wie sie auch in seinem neuen Buch stehen: "Reanimation grundsätzlich ohne Zunge!" Oder: "Freunde natürlicher Heilverfahren bevorzugen es, nach Bielefeld zu reisen, da veröden Hämorrhoiden von allein." Es sei befreiend, auch mal albern zu sein, solange die Mischung stimmt. "Und ich hoffe, das tut sie."

Hirschhausen beschreibt seine Form von Humor als "nachhaltige Komik": So sollen die Mediziner-Witze aus seinem neuen Buch die Leser nicht nur zum Lachen bringen, sondern ihnen später Angst vor Untersuchungen und übertriebene Ehrfurcht vor dem Arzt nehmen. Hirschhausen rät zu gesunder Skepsis gegenüber den PAP-Abstrichen des Gynäkologen ("oft Panik auf Probe"), Gelassenheit bei Verstopfung ("alles unter einer Woche ist okay") und Vertrauen in altbewährte Heilmittel ("komisch, dass es Hühnersuppe noch nicht als Zäpfchen in der Apotheke gibt"). Und damit zwischendurch niemand aussteigt, streut er schnell noch ärztliche Codewörter für unbeliebte Patienten ein: Die Diagnose "Morbus mediterraneum" (Mittelmeerkrankheit) etwa ist eine Warnung an die Kollegen vor einem Hypochonder.

Prävention ist aber keineswegs Hirschhausens einzige Heilmethode. Er hilft auch Menschen, die schon krank sind. Für sie hat er - nach dem Vorbild von Patch Adams - die "Roten Nasen Deutschland" mitgegründet: Der Verein bildet professionelle Clowns für den Einsatz in Krankenhäusern aus. "Wer Schmerzen hat, sollte nicht alleine sein und etwas zu lachen haben." Sein Ziel ist ein Dachverband, vielleicht auch eine Stiftung mit dem Motto: "Humor hilft Heilen". Damit irgendwann überall in Deutschland Menschen mit rotem Schaumstoff auf der Nase bei Bedarf an Krankenhausbetten stehen.

In die Klinik nur noch zur Recherche

Dass er selbst nur noch als Besucher oder zum Recherchieren in einer Klinik auftaucht, hat mehrere Gründe: Nach seinem Jahr als Arzt im Praktikum konnte Hirschhausen wegen der Fusion der Charité trotz Einser-Examen nicht sofort übernommen worden. Gleichzeitig begeisterte er sich für den neu entstandenen Studiengang Wissenschaftsjournalismus. Darüber hinaus wurde seine Bühnenarbeit - er hatte schon während des Studiums als Conferencier und Zauberkünstler gearbeitet - immer professioneller und gefragter. Er musste sich entscheiden.

Hirschhausen wählte die Bühne. "Ein schlechter Komiker kann weniger Unheil anrichten als ein schlechter Arzt", sagt er grinsend. Und dann, deutlich ernster: "Ich war immer dafür, dass ich Menschen ihr Wirkungsfeld nach ihren Stärken aussuchen." Er behauptet, er würde alles noch einmal genauso machen, säße er in diesen Tagen erst am Abitur. Damit in dieser Hinsicht kein Zweifel aufkommt, zitiert er gern den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard: "Leben muss man das Leben vorwärts, verstehen kann man es nur rückwärts."

Andere Kinder sammelten Matchboxautos

"Kann man denn davon leben?", haben ihn damals die Kollegen gefragt. Die Frage gibt er ihnen in Zeiten von Dauerstreiks und Ärzte-Abwanderung nun einfach zurück. "Das gibt sich schon wieder", dachten die Eltern, doch mittlerweile, sagt er, hätten sie gemerkt, wie sehr ihm das Komikerleben liegt und dass er gut davon leben kann. Ein wenig müssen sie es schon vorher geahnt haben, dass es sich bei der Faszination ihres Sohnes für das Lachen nicht um eine Phase handelte: Andere Kinder sammelten Matchboxautos oder Legosteine, er sammelte Witze. "Ich schrieb die, die mir gefielen, in kleine Hefte und schenkte sie meinen Eltern zu Weihnachten", erzählt Hirschhausen. Da war er acht. Von den Witzen konnte er seither nicht lassen.

Irgendwann hatte er bloß keine Lust mehr zu erklären, dass Wissenschaft und Lachen kein Widerspruch sind. Deshalb vergleicht er seine Rolle mit der eines Medizinmannes: Es habe in allen Kulturen Menschen gegeben, die heilerische Fähigkeiten mit Tricks der Unterhaltung verbanden. Die dritte Seite des Schamanen, die Spiritualität, liegt sowieso in der Familie: Viele von Hirschhausens Ahnen waren Pfarrer, sein Vater war der erste, der sich für die Wissenschaft entschied und Chemiker wurde.

Eckart von Hirschhausen ist das dritte von vier Kindern. Zwei Brüder sind in der Wirtschaft, seine Schwester Religionslehrerin. Warum er eine unkonventionellere Wahl traf? Das fragt er sich manchmal selbst. Er glaubt nicht an das Klischee vom Melancholiker hinter dem Clown, auch Klassenkasper würden selten auf der Bühne reüssieren. "Komiker sind allerdings oft hibbelige, unruhige Menschen, die Abwechslung und Aufmerksamkeit suchen", sagt er. Einen gewissen Trotz brauche es auch. "Du musst lange auf die Schnauze fliegen, um irgendwann gut zu werden." So sehr er sich für das Scheitern stark macht, so glücklich wirkt er doch, dass seine ersten Auftritte und Pleiten als Zauberer und Varietémoderator kaum einer mitbekommen hat.

Die wichtigsten Instrumente des Komikers aber, da ist sich Hirschhausen sicher, sind ein gutes Auge und ein schräger Blickwinkel - "damit das, was du beobachtest, sich von dem unterscheidet, was die anderen sehen". Die Brille, durch die von Hirschhausen die Welt betrachtet, ist immer die Medizin und Psychologie gewesen. Und das wird sie auch bleiben. Er glaube nicht, dass dieses Thema irgendwann ausgereizt ist, sagt er, bevor er sich verabschiedet und zu seinen Eltern fährt. "Jeder hat einen Körper und eine Seele, und jeder hat Fragen dazu."

Auf dem Weg zum Haus seiner Kindheit wird er am Krankenhaus Waldfriede vorbeikommen, wo er nach dem Abitur sein erstes Pflegepraktikum absolvierte. Einen kurzen Moment lang wird er die Arbeit mit den Patienten vermissen, doch dann wird er an die Zahl denken, die er sich vor einiger Zeit ausgerechnet hat: Um in ärztlichen Einzelsitzungen all die Menschen zu erreichen, die er an einem einzigen Kabarett-Abend zum Lachen und vielleicht sogar zum Nachdenken bringen kann, bräuchte er mehr als zwei Jahre. Diese Zahl reicht, um sich zu freuen, dass er Medizinmann und nicht Mediziner geworden ist.