Auf der Suche nach Preußen

| Lesedauer: 12 Minuten
Jochim Stoltenberg

Unser Chefkorrespondent Jochim Stoltenberg im Gespräch mit André Schmitz Der Vorschlag von André Schmitz, dem feinsinnigen, stets elegant gekleideten bisherigen Chef der Senatskanzlei und Klaus Wowereits neuem Kulturstaatssekretär, durch Neukölln zu spazieren, verblüffte mich.

Unser Chefkorrespondent Jochim Stoltenberg im Gespräch mit André Schmitz

Der Vorschlag von André Schmitz, dem feinsinnigen, stets elegant gekleideten bisherigen Chef der Senatskanzlei und Klaus Wowereits neuem Kulturstaatssekretär, durch Neukölln zu spazieren, verblüffte mich. Auf die nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob es ihn in diesen soziokulturell bekanntlich nicht ganz unproblematischen Bezirk locke, weil er mit dem Gedanken spiele, die Neuköllner Oper gleich mit in die leidige Opernstiftung einzubringen, bricht er in schallendes Gelächter aus. "Nee, nee, die kommen allein ganz gut zurecht. Wir schauen da nachher auch noch rein. Als ich 1992 nach Berlin kam, habe ich hier in der Richardstraße 108 in einem Dachgeschoss gewohnt. Man sagt ja immer, dass viele, die neu nach Berlin kommen, in Neukölln anfangen. Jetzt wohne ich in Wilmersdorf. Aber ich finde es hochinteressant hier, weil das alte Böhmische Dorf für viele preußische Tugenden steht, die doch ziemlich verdrängt, wenn nicht vergessen sind ..."

Wir stehen am Richardplatz zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee, mitten in Rixdorf, wo Anfang des 18. Jahrhunderts böhmische Glaubensflüchtlinge auf Geheiß des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. (1713 bis 1740) eine neue Heimat fanden. Die Spuren sind bis heute erhalten: dörfliche ein- und zweistöckige Backsteinhäuser, eine alte Schmiede und die innen schlichte, außen von einem neobarocken Turm gekrönte, gelb getünchte Bethlehem-Kirche inmitten der großstädtischen Mietshäuser. Der Name Rixdorf übrigens ist eine Abwandlung von "Richardsdorp", eine Siedlung, 1360 erstmals urkundlich erwähnt.

Von Wowereit überrascht

Wie schon einige Jahrzehnte vor den böhmischen Flüchtlingen die Hugenotten aus Frankreich haben heute - unter nicht vergleichbaren Voraussetzungen und Folgen - viele Ausländer, vor allem Türken, auch rund um den Neuköllner Richardplatz eine neue Heimat gefunden. "Von den etwa 300 000 Einwohnern des Bezirks sind rund ein Drittel Migranten. Mit all den bekannten Problemen, aber auch mit einem ungeheuren Schatz. Wir sollten nicht nur die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Integration sehen, auch den kulturellen Reichtum. Ich glaube, wir müssen den Migranten auch kulturpolitisch noch einmal ein anderes Signal geben. Wir schauen ein bisschen zu viel auf die großen Opernhäuser und andere Highlights. Kultur muss von unten wachsen. Und da sind die Bezirke ganz wichtig. Zum Beispiel mit ihren Bibliotheken. Sie sind Anlaufpunkte für soziale und kulturelle Vernetzung." Wowereits Mann fürs Kulturelle hat sich vorgenommen, sich auch darum zu kümmern.

Wäre er eigentlich lieber Chef der Senatskanzlei geblieben und damit Koordinator für die mehr oder weniger reibungslose Umsetzung der Senatspolitik, als zweiter Mann hinter dem Auch-Kultursenator Wowereit? "Na ja, dass Klaus Wowereit zusätzlich das Kulturressort übernommen hat, hat viele überrascht; mich auch ein bisschen. Aber ich hab jetzt meinen Frieden damit gemacht. Seit 15 Jahren, solange bin ich ja schon in Berlin, hat die Kultur noch nie eine so starke Stimme am Senatstisch gehabt. Wenn der Regierende Bürgermeister die Kultur zur Chefsache erklärt und dazu noch mit der Richtlinienkompetenz ausgestattet ist, kann er sich einen Misserfolg nicht leisten. Deshalb hoffe ich, dass wir gemeinsam möglichst viel für die Kultur herausholen können ..." Ein Regierungschef muss immer das Ganze im Auge haben. Versteht sich der Staatssekretär partiell auch als Sonderanwalt der Kultur? "Na klar. Und wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, tragen wir die hoffentlich hinter verschlossener Tür aus."

André Schmitz hat Wowereit Anfang der Neunzigerjahre kennengelernt, als er Verwaltungsdirektor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war. "Er war der einzige Politiker, der damals das Theater besuchte ..." Aus diesen Begegnungen ist eine Freundschaft erwachsen. Erst eine persönliche, dann zwischen den beiden so ungleichen Sozialdemokraten auch eine politische. Und die neue Arbeitsteilung - der Chef für Erfolg und Glamour, der Staatssekretär für die Schreibtischarbeit? "Ich bin eitel genug, sonst würde man einen solchen Job nicht machen. Aber noch größer als die Eitelkeit ist der Wunsch, für die Kultur etwas zu erreichen. Wenn es einen Erfolg gibt, soll der Regierende doch gern dafür gefeiert werden. Die Insider wissen dann schon, dass der Schmitz auch nicht ganz unbeteiligt war ..."

Der Schmitz ist in Oberhausen aufgewachsen, aber in Hamburg dank Schule und Studium erwachsen geworden. Dort entwickelte sich auch eine enge Beziehung zur kinderlosen Familie Schwarzkopf aus der gleichnamigen Haarkosmetik-Dynastie. Nach dem Tod von Heinz Schwarzkopf adoptierte dessen Frau Pauline vor einigen Jahren André Schmitz. Es war ihr Wunsch, den Familiennamen Schwarzkopf auch in der europapolitischen Stiftung, die Schmitz seit Jahren ehrenamtlich leitet, zu bewahren. André Schmitz-Schwarzkopf macht von seinem Doppelnamen öffentlich wenig Gebrauch, Aufhebens ohnehin nicht. Aber er ist mit diesem Hintergrund finanziell, damit auch politisch, wenn es darauf ankäme, völlig unabhängig. Ihn fasziniert die Kultur, für sie will er etwas bewegen und erreichen.

Die Kernprobleme der Opern

Dafür hat er jetzt das fast optimale Spielfeld. Zugleich aber auch eins, auf dem er die bislang größte Herausforderung meistern muss. Damit sind wir bei der Opernstiftung, dem Rettungsplan für die drei großen Häuser Staatsoper, Deutsche Oper und Komische Oper. Sieht er eine Chance, dass der Bund doch noch als rettender Mäzen einspringt und die Staatsoper Unter den Linden übernimmt, damit die beiden anderen genug finanziellen Spielraum zum Überleben auf höchstem Niveau haben? "Wir werden das weiter versuchen. Aber wenn das scheitert, müssen wir selbst eine Lösung finden. Ich bin schon mal zufrieden, dass der Regierende gesagt hat, es werde keine Oper geschlossen. Das ist eine gute Voraussetzung ..." Wie aber soll höchste Qualität der drei Bühnen gesichert werden, wenn sich der Bund verweigert? "Dies ist - neben der unterschiedlichen künstlerischen Schwerpunktsetzung in den drei Häusern - die Kernfrage in der Opernproblematik. Wowereit hat ja schon erklärt, das sei bei drei von Berlin zu finanzierenden Häusern nicht möglich. Deshalb die Idee der Übernahme der Staatsoper durch den Bund. Jetzt ist viel Verhandlungstaktik im Spiel. Ich sehe mich dabei auch in der Rolle, die derzeitige Dramatik und Panik ein bisschen aus der Sache herauszunehmen ..."

Auch als Sympathieträger, um Wowereits ziemlich nassforschen Auftritt gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergessen zu machen? "So sind die Berliner eben ...", sagt der Hanseat. "Aber ganz im Ernst. Der Regierende und ich kennen Bernd Neumann gut. Wir haben eng und vertrauensvoll in der Föderalismuskommission zusammengearbeitet, als es darum ging, für Berlin die Hauptstadtklausel ins Grundgesetz zu schreiben. Ich glaube, das Verhältnis zu ihm und zur Kanzlerin ist besser, als es öffentlich anklingt. Im Grunde hat Berlin mehr Freunde in der Regierung und im Bundestag, als es in der medialen Vermittlung den Anschein hat. Diesen Goodwill muss man allerdings pfleglich behandeln..." Auch dafür ist der 49-Jährige, Markenzeichen rotblond gescheiteltes Haar, Hornbrille, sehr britisch nicht nur in den Umgangsformen, auch in der Kleidung, neuerdings häufiger wieder Fliege statt Schlips, der richtige Mann an Wowereits Seite.

Eine andere kulturelle Großbaustelle spricht er von sich aus an. "Das Humboldt-Forum im wieder aufgebauten Schloss ist eine geniale Idee - die jetzt noch in Dahlem ausgestellten außereuropäischen Sammlungen als Pendant zur Museumsinsel mit den Schätzen aus preußischer und europäischer Glanzzeit. Dafür stehen symbolhaft die beiden großen Brüder dieser Stadt: Wilhelm und Alexander von Humboldt. Der reformerische Wilhelm für Preußens Kultur und Bildung, der global denkende Alexander für die Weltschätze. Beide Sammlungen mitten in der Stadt, mitten in Deutschland - das wäre bedeutender als der Louvre in Paris. Wir sollten nicht alles nur auf die Finanzen fokussieren. Die Einrichtung des Humboldt-Forums kostet zudem nicht mehr als der neue Hauptbahnhof. Das wäre ein Projekt für Deutschland, dessen sich die Kanzlerin annehmen sollte."

Und Berlin? Der rot-rote Senat hat sich bislang nicht gerade als engagierter Förderer der Schloss- Rekonstruktion gezeigt. "Das ist richtig. Aber wir sollten auch das jetzt angehen. Es gibt Bundestagsbeschlüsse, der Senat hat sie bestätigt. Es lohnt, sich dafür einzusetzen. Weil das Humboldt-Forum im Schloss gleich mehrere Probleme löst: das architektonische, denn der Schlossplatz darf nicht länger Kirmesplatz sein; ein kulturelles, nämlich den Sammlungen aus Dahlem einen zentralen Platz zu bieten; schließlich ein nationales: Berlin als Schaufenster der Republik könnte sich hier in einer globalen Welt international präsentieren." Da schwärmt einer, der es wirklich gut meint mit Berlin.

Start an der Volksbühne

Zurück nach Neukölln. 120 Besucher fasst der frühere Ballsaal in der "Passage" zwischen Karl-Marx- und Richardstraße, den die Neuköllner Oper seit 1988 bespielt. Mit bescheidenen Mitteln, aber großem Erfolg. Marketingchef Andreas Altenhof empfängt uns. Die Augen von André Schmitz leuchten, als er hört, dass dieses Haus rund 30 Prozent der Kosten (Gesamtetat 1,25 Millionen Euro) selbst einspielt. Davon können die drei großen Häuser nur träumen. Von denen finanziert die Staatsoper gerade mal 20 Prozent ihres Etats selbst, die beiden anderen weit weniger. Allerdings kommen nur noch neun Prozent der Besucher aus dem Bezirk. Winfried Radeke, Mitbegründer des Opernvereins und einer der beiden künstlerischen Leiter, sieht das mit einem weinenden und einem lachenden Auge: "Viele Alt-Neuköllner sind weggezogen. Jetzt kommen die Besucher aus der ganzen Stadt. Leider konnten wir bislang die vielen Migranten aus dem Bezirk noch nicht in unserer Haus locken ..."

Ganz anders unten im Restaurant "Götterspeise". Hier sitzen zur Mittagzeit Türken, Araber und Deutsche bunt gemischt beim Essen. André Schmitz bestellt eine Dorade, ich ein Schweinefilet. Wie ist er eigentlich nach Berlin gekommen? "Nach dem Examen bin ich zunächst als Verwaltungsdirektor am Stadttheater Hildesheim gelandet. Da stand eines Tages Matthias Lilienthal, damals Chefdramaturg von Castorfs Volksbühne, vor der Tür. Er fragte, ob ich Verwaltungschef in Ost-Berlin werden wolle. Die hatten zufällig von mir gehört. Ich wusste weder, wer Lilienthal, Castorf noch die Volksbühne waren. Aber weil ich unbedingt nach Berlin wollte, hab ich sofort zugesagt. So kam ich 1992 als Wessi-Exot an die Ossi-Trutzburg. Es wurden die bislang spannendsten Jahre meines Lebens. Meine Berlin-Sozialisierung hat also im Osten der Stadt stattgefunden, auch wenn ich zunächst hier in der Richardstraße wohnte. Anders als in Hamburg, wo man drei bis vier Generationen braucht, um als echter Hamburger akzeptiert zu werden, ist das hier viel leichter: Berliner ist man ab dem Augenblick, in dem man sich zu dieser Stadt bekennt."