Krisenmanager in der Luft - selbst der «Deichgraf» war sprachlos

Der märkische Innenminister Jörg Schönbohm (CDD) kreiste über der Prignitz, Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) war flussaufwärts in die Luft gegangen. Beide machten sich ein Bild von der kritischen Lage in den überschwemmten oder bedrohten Gebieten.

10 Uhr: Kurz vor Mühlberg, dem eigentlichen Ziel des Fluges, dreht der Hubschrauber mit dem Ministerpräsidenten ab. Matthias Platzeck (SPD) hat erfahren, dass flussabwärts, nördlich von Torgau, der Damm nicht stand gehalten hat und will sich sofort ein Bild von der Lage in dem Gebiet unweit der brandenburgischen Landesgrenze machen. Der Blick aus dem Helikopter scheint auch den fluterfahrenen «Deichgrafen» zu beeindrucken. Dort unten schießen die Wassermassen durch den geborstenen Deich auf die angrenzenden Felder, jagen auf nahliegende Ortschaften zu.

Der Hubschrauber mit Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) landet derweil auf einer Wiese nahe Bälow (Prignitz) und stöbert dabei ein Wildschwein aus seiner Deckung. Nach einem kurzen Lagebericht durch Generalmajor Josef Priller gehts an den Deich. Dort erhöhen Bundeswehrsoldaten im Zwölf-Stunden-Schichtdienst seit Donnerstag den Damm. Inzwischen ist auch Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) eingetroffen. Nachdem sich beide ein Bild von der Situation gemacht haben, dankt Schönbohm den Soldaten für ihre Leistung und Struck für die schnelle und vor allem für das Land und die Kommunen kostenlose Unterstützung durch die Bundeswehr. «Ohne Bundeswehr wäre die Prignitz nicht zu retten», sagt Schönbohm.

11.30 Uhr: Während der Fahrt durch Mühlberg müssen Platzeck und der unterdessen dort eingetroffene Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die ursprünglich geplante Route verlassen. Wasser, das durch die Erde an die Oberfläche gedrückt wird, fließt durch die evakuierte Stadt.

Schönbohm fährt zu dieser Zeit mit dem Auto weiter zum Katastrophenstab nach Perleberg. Dort hält Wolfgang Schulz alle Fäden in der Hand. Klare Ansage: Bis spätestens Mittwoch seien alle gefährlichen Stellen an dem 75 Kilometer langen Elbdeich in der Prignitz gesichert. Trotzdem beginnen Montagabend die ersten Evakuierungen - man will nicht unter Zeitdruck geraten.

13.30 Uhr: Schönbohm trifft sich mit dem Prignitzer Landrat Hans Lange, Amtsdirektoren und Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden im Rathaus Wittenberge. Er rät eindringlich, den Menschen vor Augen zu halten, dass die Gefahr für Leib und Leben durch die Deicherhöhungen längst nicht aus der Welt ist. Damit das verlassene Hab und Gut nicht auch noch durch Diebstahl Schaden nimmt, werde die Bereitschaftspolizei auf 600 Mann aufgestockt. «Die Polizei muss überall zu sehen sein, damit Plünderer abgeschreckt werden und Hausbesitzer Vertrauen in die staatlichen Maßnahmen setzen», so der Innenminister.

Platzeck und Schily fliegen unterdessen nach Herzberg. Die Einwohner stehen dort in der sengenden Mittagshitze und füllen stoisch Sandsäcke. In ihrem Ort wird das Dämmmaterial allerdings nicht gebraucht. Die Leute wollen damit den Mühlbergern helfen. Gemeinsam mit dem Bundesinnenminister besucht Platzeck die in der dortigen Notunterkunft ausharrenden Mühlberger. Sie sollten Geduld haben, sagt er. Auch wenn der Damm bisher gehalten hat, darf von Entwarnung noch keine Rede sein. Kurz darauf erhält der Ministerpräsident die Nachricht vom Riss eines Deiches flussaufwärts bei Stehla. Von dort droht jetzt neue Gefahr für die von manchem schon gerettet geglaubte Stadt Mühlberg.

16.00 Uhr: Erneut trifft sich der «Deichgraf» mit dem Krisenstab. Über den Einsatz der zur Verfügung gestellten Schlauchboote und Hubschrauber muss beraten werden und auch über rasche Hilfe für die Bewohner des nahegelegenen sächsischen Ortes Stehla. Dort sitzen noch 170 Leute hinter dem Deich.

Schönbohm klettert gleichzeitig in der Prignitz auf ein Boot der Wasserschutzpolizei um sich von dort einen Eindruck von der riesigen Aufgabe zu verschaffen, die von Bundes- und Feuerwehr sowie Tausenden freiwilligen Helfern bereits geleistet wurde. Wieder zurück an Land grüßt er vorbeikommende Spaziergänger am Deich. Aber die erkennen ihn nicht. Seine Popularität hat wohl noch nicht die von Platzeck erreicht, die der sich bei der Oderflut 1997 erworben hatte. Die jetzige Flut sei seine erste «und hoffentlich die letzte als Brandenburgs Innenminister».