Geld

Warum die Mittelschicht die Finanzkrise auslöste

Die Katastrophe an den Finanzmärkten ist eine Krise der Mittelschicht - in doppeltem Sinne. Einerseits trifft es mittlere Einkommen massiv, zum anderen hat die Mittelschicht die Krise mit herbeigeführt. Weil sie meinte, es zu müssen.

- Diese These bildete sich in dieser Woche in Jena aus Debatten des 34. Deutschen Soziologenkongresses über "Unsichere Zeiten" heraus.

Auf die Rolle der Mittelschicht beim Entstehen der Krise auf dem US-Immobilienmarkt wies der Kasseler Soziologe Heinz Bude hin. Amerikas Mittelschicht habe kaum anders gekonnt, als sich für Häuser in guten Gegenden zu überschulden. Denn nur in jenen Gegenden seien die Schulen so, dass auch die Kinder dieser Leute noch die Chance auf ein Leben nach Art ihrer Eltern hätten. Weil der öffentliche Sektor in den USA für die Weitergabe des Mittelschichtstatus wenig leiste, mussten die Leute es auf eigene Faust auf den Immobilien- und Kreditmärkten versuchen.

Viele Deutsche besitzen Wertpapiere

Auch auf der anderen Seite, bei den Kreditgebern, findet man die Mittelschicht, wie Christoph Deutschmann (Tübingen) erläuterte. Allein in Deutschland gibt es 10,3 Millionen Wertpapierbesitzer. Sie sind für ihre Altersvorsorge und die Sicherung ihres Lebensstandards auf hohe Renditen angewiesen - die sich am besten über Kreditvergabe erzielen lassen. "Wegen des gewaltigen Anstiegs von anlagesuchenden Finanzvermögen", so Deutschmann, "fahndeten die Banken und Fonds verzweifelt nach Kreditnehmern - und fanden sie unter anderem in der US-Mittelschicht." Nicht unersättliche Manager seien die Hauptverantwortlichen der Krise, sondern Mittelschichtangehörige, die die Renditeraserei der Manager antrieben.

Dazu fühlte sich die Mittelschicht selbst angetrieben. Private Wertpapierbesitzer nannten laut einer Studie als Hauptmotiv "Ausübung von Eigenverantwortung". Sie stürzten sich auf die Finanzmärkte, weil es überall hieß, die Bürger sollten selbst vorsorgen, da der Staat nicht viel zu bieten habe.

Zugleich ist das Prinzip Eigenverantwortung längst in die Feinmechanik von Firmen und Behörden eingezogen. Der Pariser Soziologe Patrick Le Galès zeigte am Beispiel Großbritanniens, wie man dort die Belegschaften von Kliniken systematisch verunsichert, um sie zu mehr Eigeninitiative anzustacheln. Die Abteilungen werden getrennt, jede für sich wird bewertet und muss Eigenverantwortung beweisen, die Gewinner werden mit Geld und mehr Eigenverantwortung belohnt, die anderen fallen zurück. "The winner takes it all" - der Gewinner kriegt alles - lautet die Lektion, die erfolgreiche Angestellte auf ihre Geldanlage anwenden.

Dabei aber entwickelten sie eine Erwartungshaltung, die dem Risiko nicht angemessen ist. So ergab jene Studie zur Mentalität der Anleger, dass sie an "ein Naturrecht auf steigende Gewinne" glaubten, was Fonds und Banken kräftig anheizten. Daher dürften die derzeitigen Verluste das Gefühl kolossaler Ungerechtigkeit auslösen.

Sinnverlust könnte hinzukommen. Privatanleger schienen ihr Tun bislang als lustvoll zu empfinden. Statt die Geldanlage im Sinne asketischen Sparens als Konsumverzicht und Triebaufschub zu verstehen, fanden sie Spekulieren so ähnlich wie Konsumieren - befriedigend, sinnstiftend, selbstwerterhöhend. Daher könnte die Finanzkrise zur tiefen Kränkung einer ganzen Schicht ausarten. Wohin das führen kann, zeigte sich in Ostdeutschland nach den Massenentlassungen der Neunzigerjahre und in der Unterschicht nach Hartz IV.