Schwer zu schleppen

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Helmut Breuer und Peter Dausend

Foto: tb/hpl

Berlin/Düsseldorf - Selbst an seinen freien Tagen hat Guido Westerwelle derzeit schwer zu schleppen. Als sei die Last noch nicht groß genug, die ihm Jürgen W. Möllemann mit seinen antiisraelischen Äußerungen und mit dem irrlichternden Grünen-Überläufer Jamal Karsli beschert hat, bürdete sich der FDP-Chef nun noch zusätzliche Gewichte auf: Kisten, Schränke, Tisch, Stühle - und Bilder des von ihm verehrten Berliner Malers Norbert Bisky. Westerwelle zog gestern um, von Wilmersdorf nach Charlottenburg - und von einer schönen Aussicht in eine ungewisse Zukunft.

Viel Zeit, es sich in seiner neuen Wohnung gemütlich zu machen, wird Westerwelle kaum bleiben. Dringend muss er nun ein Vorhaben angehen, neben dem das Projekt 18 gnadenlos unambitioniert erscheint: Er muss Möllemann klein kriegen. Gelingt ihm das nicht, schwindet nicht nur seine Macht als FDP-Chef - es schwindet auch das Image der Liberalen als bürgerliche Partei. Von der Siegchance am 22. September ganz zu schweigen.

Westerwelle muss nun den Schaden begrenzen, den er versäumt hat zu verhindern. Anstatt Möllemann für seine Worte, die Verständnis für Selbstmordattentate der Palästinenser suggerierten, öffentlich zurecht zu weisen, verteidigte er ihn gegen Kritiker.

Das gab Möllemann, dem Tabubrecher aus Kalkül, Auftrieb für den nächsten Coup. Er warb den NRW-Grünen ihren Landtagsabgeordneten Karsli ab, einen Mann, der Israels Vorgehen gegen die Palästinenser als «Nazi-Methoden» bezeichnet hatte. Später, schon in Möllemanns Armen, beklagte der gebürtige Syrer, dass eine weltweite «zionistische Lobby» Kritik an Israel verhindere. Westerwelle distanziert sich zwar öffentlich von den Äußerungen - und das gleich mehrfach.

Er ließ aber den einen Satz, auf den alle warten und den die TV-Journalisten Maybritt Illner am Donnerstagabend gleich fünf mal aus ihm herauszuquetschen versuchte, bisher ungesagt: «Der Mann gehört nicht in die FDP.»

Der Parteichef sieht darin allerdings kein Versäumnis; es ist Teil seiner Strategie. Würde er den Parteifreunden in Nordrhein-Westfalen öffentlich Ratschläge erteilen, was sie bei der von ihm erzwungen Sondersitzung des Landesvorstandes am 3. Juni zu entscheiden hätten, dürfte das nur zur Solidarisierung der NRW-Liberalen mit ihrem Landesvorsitzenden Möllemann beitragen.

Westerwelle setzt daher auf Deeskalation mit seinem Vize in der Öffentlichkeit - und bearbeitet die führenden Liberalen lieber heimlich am Telefon. Für das Karsli- und damit auch das Möllemann-Bashing haben sich rasch andere gefunden. Ob der Ehrenvorsitzende Otto-Graf Lambsdorff, die - neben Möllemann - stellvertretenden Vizechefs Walter Döring und Reiner Brüderle oder die Grande Dame der Partei, Hildegard Hamm-Brücher - alle waren sofort bereit, Karsli klarzumachen, dass er nicht erwünscht sei.

Gestern kamen Fraktionschef Wolfgang Gerhardt und das Vorstandsmitglied Burkhard Hirsch hinzu. «Bei uns findet niemand eine politische Heimat für antiisraelische Politik», sagte Gerhardt, und Hirsch drohte in einem Brief an Möllemann, nicht mehr für die FDP zu werben, bis der Fall Karsli geklärt sei. Möllemann lässt die Einheitsfront der Partei-Promis ziemlich kalt. Ungerührt verkündete er: «Mir sind keine Sachverhalte bekannt, die einen Ausschluss begründen würden.» Unweigerlich fühlt man sich an Shakespeare erinnert. Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode. Bereits im Januar 2000 entfachte der Kampagnen-Stratege Möllemann mit einer gezielten Provokation einen Proteststurm. Mit einem Plakat des leibhaftigen Hitlers wolle er in den Landtagswahlkampf ziehen. Damit erregte er ein Heer von Kritikern. Nach großen Schlagzeilen konnte der damals noch auf acht Prozent fixierte Wahlkämpfer vom Rhein das Bild befriedigt im Parteiarchiv verschwinden lassen. Wer braucht noch Werbung, wenn man die Nachrichten dominiert?

Die Rechnung ging auf. Im Mai 2000 siegte der politische Fallschirmspringer bei der Landtagswahl. Doch mit der politischen Adoption Karslis segelt Möllemann nun, wie es scheint, einer sicheren Bruchlandung entgegen. Die wirren antisemitischen Tiraden Karslis haben so viel Widerstand geweckt, dass selbst Freunde des in selbstverschuldeten Krisen abgehärteten Troubleshooters diesmal noch kein rettendes Sprungtuch gefunden haben. Sein fataler Hang zur Selbstzerstörung könnte dieses mal auch fatal enden.

Bereits der Coup, mit Hilfe des Kreisvorsitzenden der FDP-Recklinghausen, eines von ihm abhängigen Fraktionsmitarbeiters, vollendete Tatsachen zu schaffen, ging gründlich daneben. Nach der öffentlichen Empörung des Zentralrats der Juden in Berlin und den massiven Protesten der Parteifreunde läuft nun alles darauf hinaus, dass bei der Sondersitzung des Landesvorstandes Karsli wieder aus der Partei gekippt wird. Zwar erklärt der taktisch behutsame Möllemann-Stellvertreter Andreas Pinkwart in Düsseldorf, die Entscheidung am 3. Juni sei «noch offen». Doch glaubt auch unter Möllemann-Vertrauten kaum jemand, dass sich bei der Krisensitzung noch viele Hände für Karsli heben werden.

Laut Möllemann soll jedoch der liberale Übervater Hans-Dietrich Genscher die Aufnahme Karslis gebilligt haben, aber niemand kann sich vorstellen, dass der FDP-Ehrenvorsitzende am 24. April bereits von den Ausfällen gewusst hat. Allerdings hat Genscher bisher öffentlich kein Wort dazu gesagt. Der nun von Möllemann begonnene Versuch, Mitleid mit Karsli zu wecken, der sich für seine Angriffe auf die Juden schließlich «drei Mal» entschuldigt habe, läuft ins Leere. Ebenso wie sein Unterfangen, dank Karsli «möglichst viele der in Deutschland lebenden Muslime für die liberale Politik zu gewinnen». Grün, die Farbe des Propheten, passt nunmal nicht zur FDP.