"Wir müssen flexibel und mobil sein"

Der achtjährige Jacob freut sich jeden Abend darauf, dass seine Mama ihm vorliest.

Berlin - Der achtjährige Jacob freut sich jeden Abend darauf, dass seine Mama ihm vorliest. "Das dauert oft eine Stunde und länger und passiert nicht selten per Telefon", sagt Anke Domscheit. Die 40-Jährige ist Managerin bei Microsoft und in dieser Position viel unterwegs. Auf seine Gute-Nacht-Geschichte musste Jacob bisher trotzdem so gut wie nie verzichten. "Die ist höchstens dreimal ausgefallen. Allerdings nur deshalb, weil mein Sohn bereits eingeschlafen war", sagt Anke Domscheit.

Und wenn es mal absolut nicht klappt, weil die Mama zum Beispiel in Seattle ist und neun Stunden Zeitverschiebung mit Jacobs Schlafenszeiten nicht zu vereinbaren sind, dann springt ihr Lebensgefährte ein. Ljubomil Karadshow (47) ist ebenfalls Manager einer weltweit agierenden Firma und wie seine Partnerin viel unterwegs.

Das in Berlin lebende Paar gehörte zu denen, die unlängst für die Studie "Kinder und Karriere" befragt worden sind, die die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin (EAF) jetzt veröffentlicht hat. "Solche Untersuchungen sind überaus wichtig", meint Anke Domscheit. Sie würden deutlich machen, welches Geflecht an Voraussetzungen nötig ist, damit Frauen wie Männer Kinder und Karriere unter einen Hut bringen können. Das könne nicht oft genug hervorgehoben werden.

"Für mich waren Karriere und Kind nie zwei gegensätzliche Dinge", sagt Anke Domscheit. Das habe auch mit ihrer ostdeutschen Sozialisation zu tun, gibt die erfolgreiche Managerin unumwunden zu. Dass Frauen Kinder bekommen und ihren Job machen, sei für sie immer völlig normal gewesen: "Für mich stand fest, dass ich mich entwickeln und so viel wie möglich lernen will." Sie brauche ständig neue Herausforderungen, wolle Verantwortung tragen, sagt die junge Frau. Dreimal hat Anke Domscheit studiert. Zunächst Kunst, dann internationale Betriebswirtschaft, schließlich Management in Großbritannien. Und auch ihr Lebensgefährte hat beruflich immer das Maximum angestrebt.

Die Wochenenden gehören der Familie

Jacob hat kein Problem mit der Arbeit seiner Eltern. Am Wochenende sind ohnehin meist beide zu Hause, gemeinsame Unternehmungen stehen dann auf der Tagesordnung. "Die Wochenenden sind uns heilig, sie gehören der Familie", sagt Anke Domscheit. Auch auf gemeinsame Urlaube legten ihr Lebensgefährte und sie großen Wert. Jacob habe deshalb schon viel von der Welt gesehen und sei in Sachen Reisen inzwischen ein ausgemachter Profi.

In der Woche wird zumindest gemeinsam gefrühstückt und zu Abend gegessen, wenn beide Eltern da sind. "Oft ist aber nur einer von uns zu Hause. Und wenn wir beide mal weg sind, muss das Kindermädchen einspringen." Ihre Berufe erforderten eine ebenso hohe Flexibilität wie Mobilität, sagt Anke Domscheit. Kurzfristig einberufene Meetings, wesentlich länger dauernde Veranstaltungen und unregelmäßige Arbeitszeiten gehörten ebenso dazu wie ständig wechselnde Arbeitsorte und Dienstreisen, die manchmal von heute auf morgen angetreten werden müssen.

Babysitter sind nur schwer zu finden

"Unter diesen Umständen ist vor allem die Kinderbetreuung schwer zu organisieren." Anke Domscheit weiß, wovon sie spricht. "Finden Sie mal einen Babysitter, der auch um sechs Uhr morgens kommen oder kurzfristig über Nacht bleiben kann und dem es nichts ausmacht, wenn es abends länger dauert", gibt sie zu bedenken. Neun von zehn Kandidaten würden sofort ausscheiden. Wer den Job schließlich doch angetreten habe, dem sei die Unregelmäßigkeit nicht selten nach kurzer Zeit zu stressig gewesen.

Irgendwie hat es dennoch immer mit einem Kindermädchen geklappt. Nicht zuletzt mithilfe der Firmen, in denen Anke Domscheit gearbeitet hat. "Extrazahlungen für Kinderbetreuung wie bei ihrem früheren Arbeitgeber McKinsey waren ebenso keine Frage wie zusätzliche Rückflüge, damit ich abends zu Hause bei meinem Sohn sein konnte", berichtet die Managerin. Auch den Familienservice der Firmen, der bei der Vermittlung von Babysittern hilft, wusste Anja Domscheit sehr zu schätzen.

Doch nicht nur die Arbeitgeber müssen mitspielen, wenn Frauen Kinder und Karriere anstreben. "Ebenso wichtig ist, dass der Partner die beruflichen Ambitionen seiner Frau nicht nur akzeptiert, sondern sie aktiv unterstützt", weiß Managerin Domscheit aus eigener Erfahrung. Gut sei auch, wenn die gesamte Familie die Entscheidung der Frau für Kind und Karriere akzeptiert. Schließlich müsse die Infrastruktur am Wohnort stimmen.

"Berlin hat eine gute Infrastruktur." In Bayern oder Nordrhein-Westfalen hätte sie dagegen riesige Probleme, sagt Domscheit. Kitas, die von sechs bis 18 Uhr geöffnet sind, gebe es dort ebenso wenig wie genug Ganztagsschulen. "Ich habe deshalb schon super Angebote aus München ablehnen müssen." Und noch etwas ist für Anke Domscheit wichtig: "In Berlin sagt niemand, ich wäre eine Rabenmutter, weil mein Kind bis nachmittags in der Schule ist und ich viel unterwegs bin." Freundinnen aus Süddeutschland hätten ihr da ganz anderes berichtet. "Damit könnte ich nur sehr schwer umgehen", meint Anke Domscheit.

Froh ist die junge Frau auch, dass ihr Lebensgefährte sie unterstützt, wo es nur geht. "Er kann als Führungskraft auch mal von zu Hause aus arbeiten oder Termine so legen, dass Zeit für Jacob bleibt. Außerdem organisiert er die Kinderbetreuung." Solche Väter hätten gesellschaftlich nach wie vor ein Problem. "Das muss sich endlich ändern", fordert Anke Domscheit.

In den USA sei man da bereits viel weiter. Dort seien die Arbeitszeiten kürzer, weil Präsenz nicht mit Leistung verwechselt werde. Das Arbeitsergebnis sei wichtig, wie und wo es entstanden ist, interessiere weniger - diese Erfahrung schätzt sie auch bei ihrem Arbeitgeber Microsoft sehr. Gesellschaftlich anerkannter sei auch, dass Männer sich für ihre Familie engagieren. "Gerade bei Führungskräften gilt es als Statussymbol, mehrere Kinder zu haben." Diesbezüglich habe Deutschland noch Entwicklungsbedarf, findet Anke Domscheit.