Kopf des Tages

Hockey-Gold liegt in der Familie

Es ist noch nicht lange her, da gingen diese immergleichen Geschichten Florian Keller gehörig auf die Nerven. Die Geschichten über die erfolgreichste Hockey-Familie der Welt. Seine Schwester Natascha wurde 2004 Olympiasiegerin in Athen. Halbbruder Andreas hatte 1992 in Barcelona Gold gewonnen, Vater Carsten 1972 in München.

Sogar sein Großvater Erwin hatte 1936 das olympische Finale erreicht und trotz eines 1:8 gegen Indien immerhin eine Silbermedaille für die Familienvitrine beigetragen. Nur der 26-jährige Florian konnte bei den schönen alten Geschichten nichts über eigene Erlebnisse erzählen.

Das ist seit gestern endlich vorbei. "Es ist alles wie ein Traum", sagte er. "Ich habe mir das so sehnlich für Flori gewünscht", ergänzte Natascha Keller zu Tränen gerührt, als ihr Bruder nach dem 1:0-Endspielsieg über Spanien die Goldmedaille um den Hals gehängt bekam. Vor vier Jahren war es noch andersherum gewesen, da schaute Florian in Athen zu und fasste einen Entschluss: Das will ich endlich auch erleben.

Dabei hatte er vorher seine internationale Karriere schon mit 21 Jahren für beendet erklärt. Häufige Verletzungen, Undiszipliniertheiten, Kritik an seinem nicht immer hundertprozentigen Einsatzwillen und die Sorge um seine berufliche Zukunft hatten dazu geführt. Florian Keller, der von Kindesbeinen an Hockey gespielt und auch schon mit 17 den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft hatte, galt als besonders talentiert - aber trainingsfaul. Der kräftige Stürmer wurde mehrfach Bundesliga-Torschützenkönig. Aber das asketische Leben eines Leistungssportlers war nicht seine Welt. Und vereinnahmen lassen wollte er sich auch nicht. Als erster Spross der Keller-Familie kehrte er dem Stammverein Berliner HC den Rücken und schießt auch jetzt noch lieber für den Zweitligisten Zehlendorfer Wespen seine Tore.

Doch seine Einstellung hat er grundlegend geändert für das große Ziel, eine olympische Medaille zu gewinnen. Nie zuvor war der Berliner so austrainiert wie jetzt. Als die deutsche Mannschaft in Peking das Halbfinale erreicht hatte, sagte er seinem Vater am Telefon: "Ich wäre schon über Bronze glücklich." Zum Glück hat er sich damit aber dann doch nicht zufrieden gegeben. Nun ist das Glück für Florian Keller perfekt, weil aus Bronze Gold geworden ist. Und zu Hause freuen sie sich schon auf seine Geschichten.

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