Kopf des Tages

Lieber Rentner ...

Für Franz Josef Wagner ist heute der Stichtag erreicht, den die Bundesversicherungsanstalt für Arbeit "Rentenberechtigungseintrittsalter" nennt. Wagner, Chefkolumnist der "Bild"-Zeitung, wird das daran erinnern, dass er heute Geburtstag hat, dass es der 65. ist und dass er für immer den Redaktionscomputer ausschalten könnte. Ab heute ist Franz Josef Wagner, das verstiegenste, poetischste und oft das klügste Original im Journalismus ein Rentner.

Der Mann mit der markanten Zahnlücke im Lächeln und dem wirren Haar in der Stirn ist alles schon gewesen - Chefredakteur bei "Bunte", Kriegsreporter beim Jom-Kippur-Krieg, Ghostwriter für Franz Beckenbauer, Udo Jürgens und Boris Becker, Chefredakteur der "B.Z.", Romancier (das ZDF verfilmte sein "Das Ding"). Eine der extravagantesten, originellsten Kultfiguren im deutschen Journalismus ist er bis heute. Der "Spiegel" hat einmal eine Geschichte über Wagners legendäre Überschriften gedruckt, es gibt auch groß angelegte TV-Porträts über ihn. Wagner lebt allein in Berlin, die "Paris Bar" ist sein zweites Zuhause - und die benachbarte Kirche. Er besucht sie fast täglich.

Das Beste, was Wagner je von sich gegeben hat, steht seit sieben Jahren sechs Tage in der Woche auf Seite 2 von "Bild" - es ist die Kolumne "Post von Wagner", die höflich immer mit "Lieber ..." oder "Liebe ..." anfängt und immer mit "Herzlichst Ihr F. J. Wagner" endet. Das ist wörtlich gemeint. Wagner lobt, verehrt, hasst und verachtet immer von ganzem Herzen. Das tut er so ungeniert, dass an manchen Tagen Mut dazu gehört, die Kolumne ins Blatt zu nehmen.

Über Franziska van Almsicks hatte er in der "B.Z." einmal geschrieben: "Franzi van Speck" und "Als Molch holt man kein Gold". Das hatte deshalb so heftig gesessen, weil Wagner zwar als einer der Großen des Boulevard-Journalismus gilt - dennoch aber nicht als Zyniker. Tatsächlich hat er sie später in einer "Post an Franzi" verehrt und umarmt.

An das Brandenburger Tor schrieb er einmal: "Ich kenne Dich noch aus den Todesstreifen-Zeiten mit den Mauerhunden. ... Wir in Berlin hatten das gleiche Wetter, den gleichen Wind, den gleichen Nebel, den gleichen Regen - aber wir waren entfernt bis zum Mars miteinander. Viele, viele Jahre warst Du ein einsames Tor. Auf der Westseite im Tiergarten grillten türkische Gastarbeiterfamilien, im Osten herrschte die Stasi." Jetzt teilte Franz Josef Wagner zum 65. mit, es werde bis mindestens 2010 noch Post von ihm geben.