Arbeitsmarkt

Jobwunder in Deutschland nähert sich seinem Ende

Gut ein Jahr ist es noch bis zur nächsten Bundestagswahl. Doch wenn die Parteien im nächsten Jahr um die Gunst der Wähler werben, werden sie den Menschen im Land erklären müssen, warum der Aufschwung im Land schon wieder vorbei ist - schlimmer noch, warum auch ihre Arbeitsplätze wieder unsicherer werden. Wirtschaftsexperten sind sich nämlich weitgehend sicher, dass die gute Entwicklung der vergangenen Monate dann endet.

- Die Turbulenzen an den Finanzmärkten, die schwächere Weltkonjunktur, der hohe Ölpreis und der teure Euro machen Deutschlands Exportwirtschaft das Leben schwer.

An den aktuellen Arbeitsmarktzahlen, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) gestern in Nürnberg vorlegte, lässt sich dieser Trend allerdings noch nicht sehen. Im Juli waren 505 000 weniger Menschen arbeitslos als noch vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote lag vor Jahresfrist noch bei 8,9 Prozent. Heute sind es 7,7 Prozent. Und dass die Zahl der Arbeitslosen bundesweit um 50 000 zulegte, liege vor allem an der üblichen Sommerflaute in vielen Branchen, sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise gestern. "Die jüngste Entwicklung verläuft weniger dynamisch als vor einem Jahr, ist aber grundsätzlich positiv", sagte der Behördenchef. Auch in der Bundeshauptstadt Berlin läuft es noch ganz gut. Zum Monatsende hatten 230 576 Menschen hier keine Stelle. Das waren zwar 1563 mehr als im Juni aber 34 338 weniger als im Juli 2007.

Nur spiegeln Arbeitsmarktzahlen typischerweise die Wirtschaftsentwicklung der Vergangenheit wider. Wirtschaftswissenschaftler nennen das einen nachlaufenden Indikator, etwas, das sich langsamer entwickelt als andere Indikatoren. Das aber verheißt wenig Gutes, auch wenn BA-Chef Weise die Krise nicht herbeischreien will. Ökonomen fürchten, dass sich die trübe Stimmung in der Weltwirtschaft auf Deutschland legen wird. Erstmals seit zwei Jahren nehmen die Experten sogar wieder ein Wort in den Mund, an das sich manche Politiker gar nicht gern erinnern: Rezession. Nicht nur in den USA, auch hierzulande geht die Angst vor dem Abschwung um.

Kommt die Krise wirklich, wird der Arbeitsmarkt davon nicht verschont bleiben. "Es ist bis Ende des Jahres noch ein kleiner weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit zu erwarten", sagt Alfred Boss, Konjunkturexperte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. 2009 aber sei es damit vorbei. Die Arbeitslosigkeit wird auf diesem noch immer hohen Niveau verharren. "Die herrlichen Zeiten", so Boss, seien "vorbei". Auch sein Kollege Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält nur wenig Trost für die Deutschen bereit: "Der Beschäftigungsaufbau kommt allmählich zum Stillstand", sagt er. Per Saldo würden allerdings keine Jobs verloren gehen. Dafür aber muss das Wirtschaftswachstum über 1,2 Prozent liegen. Das ist die Schwelle, bei der in Deutschland gerade so begonnen wird, neue Jobs zu schaffen. Jetzt würden die strukturellen Probleme deutlich, die vom Aufschwung nicht zu lösen seien, sagte Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Im Abschwung finden auch Langzeitarbeitslose meist erst recht keine neue Stelle.

Für die wird es kein Trost sein, dass sich die Regierung in dieser Situation nicht einig ist, was helfen könnte. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) forderte wieder Steuersenkungen, um den Konsum anzukurbeln. Die Kanzlerin lehnt das bislang hartnäckig ab. Auch mit der SPD in der schwarz-roten Koalition ist das nicht zu machen. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) scheint etwas überoptimistisch: "Wenn wir weiter das Richtige tun, ist Vollbeschäftigung ein erreichbares Ziel", sagte der Politiker. Der Minister muss froh sein, wenn die Arbeitslosenstatistik der Regierung nicht schon in den kommenden zwölf Monaten ein schlechtes Zeugnis ausstellt.