Sozialpolitik

Sterbehilfe-Verein kündigt begleiteten Selbstmord an

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Die Sterbehilfeorganisation Dignitate will in Deutschland bald mit einem begleiteten Suizid einen Präzedenzfall schaffen, um eine Klärung der Rechtslage zu erzwingen. Das kündigte die Organisation an. Man brauche in Deutschland dringend eine Regelung, wie es sie in der Schweiz gebe, sagte Uwe Christian Arnold, der Zweite Vorsitzende von Dignitate, dem deutschen Ableger der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas, der Schweizer Zeitung "Sonntag".

- "Deshalb werden wir bald einen Präzedenzfall schaffen." Man wolle einen todkranken Menschen in Anwesenheit eines Arztes in den Tod begleiten und damit ein Exempel statuieren.

"Dann wollen wir eine Klage erzwingen, damit die offenen Rechtsfragen im Bereich Sterbehilfe in Deutschland ein für alle Mal geklärt werden - so wie es der Deutsche Juristentag 2006 zuletzt empfohlen hat", sagte Arnold. Nötig sei eine Regelung, die kläre, dass Sterbehilfe auch und vornehmlich von Ärzten geleistet werden dürfe. Ohne dies sei dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

In den vergangenen Tagen hatte der frühere Hamburger Justizsenator Roger Kusch mit seiner Suizid-Begleitung für eine Rentnerin die Diskussion über Sterbehilfe neu entfacht. Die Bundesländer wollen ein Verbot kommerzieller Sterbehilfe noch in diesem Jahr auf den Weg bringen. Am Freitag hatten im Bundesrat 13 Länder einen neuen Antrag vorgelegt, über den beraten werden soll, die Ländervertretung hatte aber auf die geplante Abstimmung über weitergehende Vorschläge verzichtet.

Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann sagte dem Bremer "Kurier am Sonntag": "Wenn eine Gesellschaft dem Sterben keinen würdigen Raum mehr bietet, ist der Respekt vor dem menschlichen Leben verloren gegangen." Die Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche Hannover betonte: "Entscheidend ist liebevolle Zuwendung, aber die Zeit für Sterbende ist uns offenbar verloren gegangen." Ein Verbot organisierter Sterbehilfe sei richtig, "aber es ist nur ein Puzzleteil". Wichtiger sei eine neue gesellschaftliche Grundhaltung.

Im Fall der 79-jährigen Frau aus Würzburg, die von Kusch in den Tod begleitet worden war, wurden unterdessen neue Einzelheiten bekannt. Nach Informationen von "Spiegel" und "Focus" soll die Rentnerin den Termin für ihren Freitod um eine Woche verschoben haben, weil ihre Halbschwester an dem Tag in ein Konzert in Leipzig gehen wollte. "Auch mir erschien der von ihr gewählte Zeitpunkt des Selbstmords nicht zwingend", sagte Kusch dem "Spiegel". Er habe "mehrfach versucht", der 79-Jährigen die mangelnde Dringlichkeit ihres Wunsches darzulegen, sei damit aber nicht durchgedrungen. Der Zeitpunkt sei nicht aus einer Zwangslage gewählt worden.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, fordert Beistand für Sterbende. "Ich möchte einem Menschen in Sterbensangst beistehen, damit er sein Leben und sein Sterben aus Gottes Hand annehmen kann", sagte er der "Bild am Sonntag". Er würde ihm aber "behutsam und bestimmt" sagen, dass er für einen Tötungsbeistand nicht zur Verfügung stehe. "Einen solchen Weg sollte auch der Staat fördern: Beistand im Sterben, aber keine Beihilfe zum Töten!"

Kusch hat unterdessen gestern einen geplanten Besuch in einem Hamburger Seniorenwohnheim sehr zum Bedauern der Heimleitung kurzfristig abgesagt. Das teilte sein Büro mit. "Wir wollten Herrn Kusch die Chance geben, sich ein realistisches Bild von dem mit Vorurteilen belasteten Bild der Altenpflege zu machen", sagte die Geschäftsführerin von "Pflegen und Wohnen", Marion Goldschmidt. Man sei sehr enttäuscht, dass Kusch dieses Angebot nun doch nicht annehme.