Neue Sitten

Blankes Entsetzen

In Südafrika treibt die Eröffnung des ersten FKK-Strands Konservative auf die Barrikaden

Pastor Mike Effanga und seine Männer haben eine Mission. Ihr Kampf gegen den Sittenverfall führt sie diesen Morgen zunächst in ein Waldstück. Kurz darauf lichten sich die Bäume, es geht eine Böschung hinab. Dort unten liegt der Ort der angeblichen Unzucht, der in Südafrika die Gemüter in Wallung bringt: der erste offizielle Nacktbadestrand der Nation.

Das Land am Kap hat mittlerweile eine der liberalsten Verfassungen der Welt. Doch nicht alle Südafrikaner teilen diese Werte, die Bevölkerung ist mehrheitlich konservativ geblieben. Wichtiger für die Meinungsbildung sind die einflussreichen Kirchen. Zwei Drittel der Südafrikaner hält Homosexualität für moralisch inakzeptabel, obwohl die Nation als einzige in Afrika gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. Auch eine Scheidung ist für 40 Prozent nach wie vor ein Tabu. Und nun textilfreies Baden! Es gibt etwa zehn illegale FKK-Badestellen, von denen nun eine genehmigt wurde. Das treibt die FKK-Gegner auf die Barrikaden – und an den Strand. Sie begründen ihre Ablehnung mit der Sorge, dass öffentliche Nacktheit zu sexuellen Ausschweifungen animiere. Dabei, so sagen die Freunde der Freikörperkultur, habe das Nacktbaden doch mit Sexualität gar nichts zu tun. Es gehe viel mehr um den Einklang mit der Natur.

Pastor Effanga leitet eine Pfingstkirche. Er könnte sich gegen die Armut engagieren, gegen die skandalös häufige Gewalt gegen Frauen und Kinder oder Alltagsrassismus. Er aber hat sich dem Kampf gegen den FKK-Strand verschrieben. Die Nacktzone ist ein gerade mal 200 Meter breiter Abschnitt des abgelegenen Mpenjati-Strandes in der Nähe der Küstenstadt Durban. „Es geht ums Prinzip“, stellt Effanga fest. „Was kommt als Nächstes, Prostituierte am Strand?“ Beides gelte es zu verhindern.

Kirchenleute kämpfen dagegen an

Der Pastor hat Mitstreiter gesammelt, darunter Kirchenleute, Frauenrechtsgruppen und angeblich Zehntausende Anwohner. „Die Gemeinde hat mit dem Nacktstrand gegen Gesetze verstoßen“, behauptet er in staatstragendem Ton. Es gebe Vorschriften, die Nacktheit an öffentlichen Plätzen verböten. Seitdem Effanga mobil macht, berät die Gemeinde wieder über das Anliegen. Die Genehmigung gilt zwar, aber bis auf Weiteres nur vorläufig.

Die Nackten aber, die Effanga und seine Mitstreiter an diesem Morgen bekehren wollen, fehlen. Wolken, Wind und 18 Grad – kein ideales Badewetter. Belege der Unzucht findet Effanga dennoch. Ein großes Schild zum Beispiel, auf dem ein Verhaltenskodex vermerkt ist. Effanga liest mit Ärger in der Stimme vor: „Bedecke jegliche unvorhergesehene Erektion. Wir wissen, sie passieren mitunter. Das Abdecken mit einem einfachen Handtuch hilft. Oder auf den Bauch legen, dann bekommt es niemand mit.“ Unglaublich sei das doch, regt sich der Pastor auf. Hinzu komme, dass zulustämmige Anwohner eines nahe gelegenen Dorfes in der Nähe regelmäßig ihrer Ahnen gedenken würden. „Wer möchte schon, dass nackt auf den Gräbern seiner Familie getrampelt wird?“

Der Mann, der das Schild in Auftrag gegeben hat, schüttelt ratlos den Kopf. John Skene steht vor seinem Gasthaus, es ist wenige Kilometer vom Nacktstrand entfernt. Er ist eine der zentralen Figuren in der gesellschaftlichen Debatte, wie nackt man in Südafrika sein darf. Skeene ist Vorsitzender der regionalen Naturistenvereinigung, aber sein Interesse am Nacktstrand ist auch wirtschaftlicher Natur. Schon jetzt gebe es durch den Ärger doppelt so viele Anfragen an sein Gasthaus wie zuvor. 80 Prozent seiner Gäste seien Christen, erzählt er, sogar Pastoren seien darunter. Keiner könne Verstöße gegen die Religion erkennen.

FKK-Strand bringt Touristen

Effanga, „dieser Aufmerksamkeitsheischer“, sei „aus dem Nichts“ gekommen, als die Gemeinde längst mit großer Mehrheit für den Nacktstrand gestimmt habe. Die entsprechenden Vorschriften seien rechtzeitig geändert worden. Von einer traditionellen Gedenkstätte sei nichts bekannt. Die Initiative bringe zudem dringend benötigte Arbeitsplätze, argumentieren die Naturisten. Jeder zwölfte Job in Südafrika hängt am Tourismus, das Potenzial sei allerdings längst noch nicht ausgeschöpft. Außerdem einen Beitrag gegen die allgegenwärtigen Klassenunterschiede. „Ohne Kleider sind wir alle gleich“, sagt Skene, „keiner fragt nach dem Beruf des anderen.“ Und mit Erotik habe das nichts zu tun, sondern mit natürlichem Körpergefühl. „Jeder, der schon einmal nackt geschwommen ist, weiß, wovon ich rede.“

Seit mindestens 40 Jahren gibt es inoffizielle Nacktstrände in Südafrika. Zu Apartheid-Zeiten, als die niederländisch-reformierte Kirche noch einen direkten Draht zur Regierung hatte, gab es mehrfach Razzien gegen Nackte. Seit dem Regierungswechsel werden die Naturisten meist geduldet, aber das Ablegen der Kleidung bleibt illegal. „Es ist doch ein Wahnsinn, dass Nacktheit im Jahr 2015 noch verboten ist“, sagt Skene, „wir reden über winzige Abschnitte an völlig abgelegenen Stränden.“ In diesen Tagen berät die Gemeinde erneut, danach wird voraussichtlich die endgültige Genehmigung für den Nacktstrand vorliegen. Für Effanga ein unvorstellbares Szenario. Er fährt durch die benachbarten Dörfer und spricht Passanten an. Die meisten ignorieren den Wortschwall des Pastors. Schließlich aber findet Effanga noch eine Frau, die zuhört und von den Bedenken ihres sechsjährigen Sohnes berichtet. Die badenden Nackten finde der „irgendwie eklig“, sagt sie. Eine gute Geschichte für die nächste Predigt, findet Effanga.