Verdacht

Angst vor einem zweitem Fall Maddie

In einem Ferienklub auf Zypern haben Urlauber angebliche Kinderhändler festgenommen

Szenen wie aus einem Thriller-Drehbuch: versuchtes Kidnapping von Kindern unter zehn Jahren, zwei Urlauber nehmen das Heft in die Hand und ergreifen einen Mann und eine Frau, die im Begriff waren, drei Kinder in ihren Geländewagen zu locken. Man übergibt die Verdächtigen erst dem Hotel, dann der Polizei. Ansammlung von aufgebrachten Feriengästen, die Polizei muss die Festgenommenen vor der Wut der Menge schützen. Aber dies ist keine Fiktion, dies ist am Dienstagabend dieser Woche im Anastasia Beach Hotel Complex auf Zypern vorgefallen, an der Ostspitze der Insel nahe dem Ort Protaras. Meist schottische und irische Urlauber finden sich in dieser Ferienanlage mit ihren Pools, Spielplätzen und einem künstlichen Flüsschen ein. Entspannung für alle, für die Kinder ein Paradies.

Was laut Zeugen am Dienstagabend passierte, erzählt James Down, Vater zweier Kleinkinder, der schottischen Tageszeitung „Daily Record“: „Ein Mann von etwa 30 Jahren bat mich am Strand um eine Zigarette, ging dann in Richtung Hotel. Mein Freund und ich fanden ihn auf halbem Weg wieder, wie er niederkniete und sich – die Fluppe im Mund – mit einem Kind unterhielt. Ich packte ihn kurz entschlossen im Nacken, fragte ihn, was er hier mache, und führte ihn zur Rezeption.“ James Down, ein ehemaliger Soldat, war sich seiner Sache sicher: Hier sind Kinderhändler am Werk, „traffickers“.

Wie sich später herausstellte, waren die beiden Verdächtigen und andere Fremde seit Tagen in den diversen Pools gesehen worden, wie sie sich mit Kindern tummelten. Auch hatte man sie angeblich in der Kluft des Personals, wie zur Tarnung, erlebt. James Down behauptete, er habe auf dem Mobiltelefon des Mannes Fotos von Kindern aus Tanzvorführungen im Hotel gefunden.

Ein anderer Gast berichtet: „Unter dem Hotelpersonal sprach man von Rumänen, und da hatten ein Mann und eine Frau zwei Kinder an der Hand, offenbar mit dem Ziel, sie zu einem Auto zu führen, während eine dritte Person sich mit einem anderen Kind unterhielt und ebenfalls im Begriff war, den Wagen zu erreichen. Jemand hatte die Szene beobachtet und griff ein, unterstützt von Hotelangestellten. Ein Mann aus der Dreiergruppe konnte fliehen, die anderen wurden im Foyer festgehalten. Panik brach aus, schnell bildete sich eine aufgebrachte Menge, die herbeigeholte Polizei musste sie vor der steigenden Wut schützen. Zwei Tage lang organisierten Familien rund um die Uhr eine Patrouille, zum Schutz der Kinder.“

Der Anastasia Beach Complex wird von Thomas Cook betrieben. Angesichts der geschilderten Vorgänge trat das Ferienunternehmen die Flucht nach vorn an: „Auch wenn es widersprüchliche Versionen darüber gibt, was genau in der Hotelanlage passiert ist, möchten wir unseren Kunden versichern, dass wir auch Unterstellungen ungemein ernst nehmen und weiter mit unseren Gästen und den Behörden vor Ort zusammenarbeiten.“

Panik vor Kidnapping

Die Polizei konnte den Verdacht auf versuchten Kindesraub bisher nicht bestätigen. Auch offizielle Stellen Zyperns beeilten sich mit Dementis, wie die „Cyprus Mail“ meldet. Es gebe keine Hinweise auf einen organisierten Kriminellenring, Zypern sei und bleibe ein sicheres Urlaubsland, wird eine Regierungssprecherin in der Zeitung zitiert. Alle Festgenommenen wurden auf freien Fuß gesetzt, nachdem man in deren Mobiltelefonen lediglich Videos von Tanzvergnügungen unter erwachsenen Hotelgästen gefunden hatte. Die Beschreibung ihrer Nationalität – zwei Rumänen, ein Bulgare – wurde aber nicht dementiert.

Die Erinnerung an die vor acht Jahren im portugiesischen Praia da Luz verschwundene dreijährige Madeleine McCann – ein Fall, der nie aufgeklärt werden konnte – ist unter Briten hoch lebendig. Es genügt der leiseste Verdacht, um friedliche Ferienstimmung in Panik umkippen zu lassen, wenn sich das Lauffeuer „Kidnapping“ verbreitet. Das hat weniger mit Rumänen oder Bulgaren zu tun als mit der allgegenwärtigen Sorge vor einem zweiten Fall „Maddie“ McCann. Da wird jedes Elternpaar, übertrieben oder nicht, zum Wächter der Sicherheit ihrer und anderer Leute Kinder.