Gewalt

Amoklauf aus Rassenhass

USA: Ein Weißer erschießt während der abendlichen Bibelstunde neun Menschen in einer afroamerikanischen Kirche in Charleston

Ein Spaziergang entlang der Calhoun Street in Charleston gehörte bislang zu den erhabensten Erlebnissen, die Amerikas Süden für Besucher bereithält. Die Fassaden im unter Denkmalschutz stehenden Altstadtkern sind verziert mit Balustraden, schmiedeeisernen Balkonen, großzügigen Treppenaufgängen und korinthischen Säulen. Aus den Kneipen dringt schon tagsüber Ragtime-Musik, die Restaurants bieten scharf gewürzte Shrimps und frittierte grüne Tomaten. Seit Mittwochabend ist in der 120.000 Einwohner zählenden Stadt im Bundesstaat South Carolina jede Leichtigkeit verflogen.

Dylann Storm Roof, ein 21-jähriger Mann, betrat gegen 20 Uhr die historische Emanuel-African-Methodist-Episcopal-Kirche und feuerte eine Stunde später nach Behördenangaben um sich. Neun zum Bibelstudium versammelte Gläubige, allesamt Schwarze, sind tot, mindestens acht schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter wurde nach einer Großfahndung durch lokale Sicherheitskräfte und die Bundespolizei FBI 15 Stunden später rund 400 Kilometer nördlich von Charleston in seinem schwarzen Fluchtauto an einer Ampel gestellt und verhaftet. Roof war bewaffnet. Ihm wird nach den vorläufigen Worten von US-Justizministerin Loretta Lynch rassistisch motivierter Massenmord vorgeworfen. Im Falle einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe.

Das Massaker in einem Gotteshaus jagte eine Schockwelle durchs Land. Die Stimmung ist am Tag danach seltsam ruhig in Charleston. Aufgebrachte Demonstranten, wütende Proteste, Spannungen zwischen den Menschen? Nichts davon ist zu spüren. Im Gegenteil. Die Trauer überdeckt alles.

„Herzzerreißende Tragödie“

Der Kongress in Washington versammelt sich am Mittag zu einer Gedenkminute. Präsident Barack Obama ging vor die Presse. Dass die Tragödie in einer Kirche geschah, die noch dazu ein geheiligter Ort der Schwarzen-Bewegung sei, nannte Obama „besonders herzzerreißend“. Wie bei früheren Massakern nutzte Obama den Moment, um die wahren Ursachen zu beleuchten. „Unschuldige starben, weil jemand einmal mehr problemlos an eine Waffe kam. Andere Länder kennen diese Gewalt in dieser Häufigkeit nicht. Wir müssen endlich gemeinsam handeln.“

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat die Bluttat scharf verurteilt. Den Angehörigen der Opfer sprach Ban am Donnerstag in New York sein Beileid aus und den Überlebenden seine Solidarität.

Wie Charlestons Polizeichef Gregory Mullen berichtete, haben Aufnahmen einer Überwachungskamera an der Kirche die Festnahme beschleunigt. Sie zeigen einen schmächtig aussehenden Jungen mit dunkelblonden Haaren und grauem Sweatshirt, der gerade die Tür zur ältesten afroamerikanischen Methodistenkirche im Süden der USA, Baujahr 1818, aufstößt. Später erkannte Charles Fowler seinen Neffen auf den Fahndungsplakaten und verständigte die Polizei. Über die Motive Roofs ist offiziell nichts bekannt, gleichwohl weisen Indizien auf Rassenhass hin. Roof trug auf Fotos Kleidungsstücke, an denen unter anderem Abzeichen der weißen Apartheidbewegung in Südafrika zu sehen waren. Schulfreude berichteten, Roof habe oft negativ über Schwarze gesprochen. Wie heimtückisch Roof vorging, legen erste Aussagen von Augenzeugen nahe, die im Gegensatz zu drei Männern und sechs Frauen überlebten. Danach saß der Todesschütze fast eine Stunde lang unauffällig unter den zwölf von Pastor Clementa Pinckney betreuten Kirchgängern, bevor er die Waffe zückte. Er ließ offenbar gezielt drei Menschen am Leben, darunter ein Mädchen, damit „die Welt davon erfährt“, wie aus Ermittlerkreisen durchsickerte. Roof soll Flüche und Anklagen gegen Afroamerikaner ausgestoßen haben („ihr vergewaltigt unsere Frauen“), bevor er schoss. Pinckney, 41 Jahre alt, war neben seinem Amt als Seelsorger Senator im Landesparlament von South Carolina und genoss wegen seines Engagements für die Verständigung zwischen Rassen und Religionen beinahe Heldenstatus. Sein Tod, so Obama, der ihn kannte, mache sprachlos.

Die Tat ereignete sich wenige Stunden nach einem Wahlkampfauftritt der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Jeb Bush, ihr republikanischer Kontrahent, sagte seinen für Donnerstag geplanten Auftritt in Charleston ab. Bürgermeister Joseph P. Riley rief die Stadtgesellschaft auf, sich in Trauer und Demut zu vereinen. „Der einzige Grund, dass jemand in eine Kirche geht und Menschen während des Gebets erschießt, ist Hass“, sagte er, „wir müssen ihn überwinden.“

Kurz nach Bekanntwerden der Tragödie gingen Hunderte Menschen in Charleston auf die Straße: „Wenn wir nicht mehr in der Kirche vor dem Teufel sicher sind“, sagte die 68-jährige Amelia einem Fernsehreporter unter Tränen, „wo dann?“