Interview

„Hier liegt pädagogisches Versagen vor“

Eltern müssen mutiger reagieren, sagt Expertin nach Übergriffen in einer Mainzer Kita

In der katholischen Kindertagesstätte „Maria Königin“ des Mainzer Bistums soll es über Wochen zu schweren sexuellen Übergriffen, Erpressung und Gewalt unter Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren gekommen sein. Die Mitarbeiter sind entlassen, die Einrichtung vorerst geschlossen. Wie konnte es so weit kommen? Ein Gespräch mit Ursula Enders, 62, Leiterin von „Zartbitter e. V.“, der Kölner Kontakt- und Informationsstelle gegen Missbrauch an Mädchen und Jungen.

Berliner Morgenpost:

In einer Mainzer Kita soll es zu massiven sexuellen Übergriffen unter Kindern gekommen sein. Hat unsere sexualisierte Gesellschaft einen neuen Grad der Verrohung erreicht?

Ursula Enders:

Sexuelle Übergriffe unter Kindern sind nichts Neues. Ich bin verwundert, wenn jetzt so getan wird. Und froh, dass das Thema endlich beachtet wird. „Zartbitter“ macht schon seit mehr als 25 Jahren darauf aufmerksam. Ich habe immer wieder Fälle wie den in Mainz erlebt. In der Vergangenheit hat man sie jedoch vertuscht.

Warum tun sich Kinder so etwas an?

Bei etwa der Hälfte der Beratungsanfragen an „Zartbitter“ handelt es sich um sexuelle Übergriffe durch Kinder. Jungen und Mädchen re-inszenieren möglicherweise, was sie außerhalb der Kita erlebt haben. Dabei kann es sich auch um sexuelle Gewalt durch den Nachbarsjungen handeln oder um Missbrauchserfahrungen durch Praktikanten oder auch Erzieherinnen, die schon zwei, drei Jahre zurückliegen.

Die genauen Umstände der Ereignisse in Mainz werden untersucht. Fest steht, dass die Erzieherinnen Kinder trotz eindeutiger Hinweise einfach haben gewähren lassen.

Im Fall der Mainzer Kita liegt zweifelsfrei ein pädagogisches Versagen vor.

Sie haben schon 1996 unter dem Titel „Wir können was, was Ihr nicht könnt“ ein Bilderbuch zum Thema Doktorspiele veröffentlicht. Ist die Grenze zum sexuellen Übergriff nicht schnell erreicht?

Mädchen und Jungen dürfen ausprobieren. Aber kein Kind darf dem anderen weh tun, und Kinder müssen selbst bestimmen dürfen, wer bei den Doktorspielchen dabei sein darf. Wenn das beachtet wird, ist die Gefahr gering, dass die Grenze zum Übergriff überschritten wird.

Warum haben die Eltern in Mainz so lange nichts gesagt?

Eltern reagieren oft erst so spät, weil sie verunsichert sind. Wenn in einer Kindergartengruppe die Mehrheit der Kinder auffällig ist, relativiert sich deren Verhalten. Dann denken die Eltern, das wäre normal. Sie zweifeln an sich selbst, denken, sie wären zu empfindlich oder verklemmt. Eltern sein muss man eben lernen. Das ist ja das Absurde. Es gibt Fahrschulen, aber einen Führerschein für den Umgang mit Kindern, den gibt es bei uns nicht. Der wäre umso wichtiger, da junge Familien bei Erziehungsfragen kaum Unterstützung von außen haben. Sie tauschen sich dann mit Eltern aus, die möglicherweise das sexualisierte Verhalten in der Kindergartengruppe ebenfalls als normal betrachten.

Wenn ich merke, dass mein Kind Angst hat, in die Kita zu gehen, dann würde ich doch mit den Erziehern sprechen. Oder?

Für viele Eltern sind Erzieherinnen Autoritäten bei pädagogischen Fragen. Diese erklären den Eltern dann oft, dass ihr Kind lediglich mit Angst und Weinen reagiere, da die Eltern das Kind nicht loslassen könnten. Auch haben sie Bedenken, sich über Erzieher zu beschweren, da sie in Sorge sind, die pädagogischen Fachkräfte würden ihren Ärger anschließend am Kind auslassen.

Was muss geschehen, damit Eltern angstfrei über Missstände in der Betreuungseinrichtung reden können?

Kaum eine Kita hat ein qualifiziertes Beschwerdemanagement. Die Kommunen und alle Träger von Kinderbetreuungseinrichtungen müssen die Beschwerdemöglichkeiten für Eltern ausbauen und transparenter gestalten. Schon bei der Anmeldung müsste Eltern verpflichtend ein Infoblatt über Beschwerdemöglichkeiten beim Träger, dem Jugendamt und Fachberatungsstellen ausgehändigt werden. Und Eltern müssen begreifen: Hilfe holen, ist kein „Verrat“!

Wie traumatisierend sind für ein kleines Kind sexuelle Gewalterfahrungen durch Gleichaltrige?

Sexualisierte Gewalterfahrungen durch andere Kinder können zumindest in den ersten Jahren danach genauso belastend sein wie die durch Erwachsene. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Kitas eine nachhaltige Präventionsarbeit leisten: über frühkindliche Sexualität muss gesprochen und regelmäßig Elternabende zum Thema durchgeführt werden.