Forschung

Mister Clarke sieht Gespenster

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Claudia Becker

Tote Frauen, Poltergeister, Irrlichter: Ein Brite weiß alles darüber. Und natürlich, dass es diese auch in Deutschland gibt

Es spukt in Deutschland. Irrlichter flimmern in Wäldern, Schreie hallen durch die Gemäuer leer stehender Krankenhäuser. „Schattenmenschen“ schleichen durch Büros und erschrecken Menschen, die weit nach Feierabend noch Überstunden machen. Und selbst die Ruhr-Universität Bochum, gerade mal 50 Jahre alt, hat schon ein eigenes Gespenst, bei dem es sich um einen verstorbenen Alt-68er namens Hayo handeln soll, der nie mit seiner Doktorarbeit fertig geworden ist. Wer sich im Internet in den entsprechenden Foren umsieht, hat den Eindruck, dass der Glaube an paranormale Phänomene noch nie so groß war wie heute. Die Lust am schönen Schauer? Die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen in einer aufgeklärten Welt, in der Wissenschaftler für alles eine Erklärung parat haben?

Roger Clarke sieht in dem Gespensterglauben Ansätze einer Säkularreligion. Der Brite ist der vermutlich bestinformierte Geisterforscher der Gegenwart. Schon als kleiner Junge war er besessen von diesen unheimlichen Wesen aus einem Zwischenreich. An den alten Wänden des Pfarrhauses, in dem er auf der Isle of Wright aufgewachsen ist, kletterten Rosen empor. Im Haus lebte eine tote Frau. Seine Mutter hatte sie gesehen.

Paranormales erfahren

Roger Clarke ist Journalist, hat für den „Observer“, die „Sunday Times“ und den „Independent“ geschrieben. Heute ist er Kolumnist. Der 51-Jährige wirkt bodenständig. Nicht wie jemand, der schon mit 14 zum jüngsten Mitglied der „Society for Psychical Research“ – der „Gesellschaft für parapsychologische Forschung“ – gewählt wurde. Die 1882 in London gegründete Vereinigung war der erste Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Gelehrten, die systematisch versuchten, paranormale Phänomene zu erforschen, Phänomene, die jenseits des normalen Erkenntnisvermögens liegen. Deutschlands bekanntester Parapsychologe ist der 1991 verstorbene Psychologe und Arzt Hans Bender, der 1950 das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ (IGPP) in Freiburg gegründet hat. Heute ist es eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die „übersinnliche“ Erfahrungen gemacht haben und Beratung brauchen. Rund 3000 Menschen rufen dort jedes Jahr an, um bei den Psychologen loszuwerden, was ihnen so große Angst macht. In den meisten Fällen sind die Erklärungen sehr wissenschaftlich. Ein Kompass, der verrückt spielte, wenn eine ganze Familie sich auf ihn konzentrierte – da hatte ein außen an der Wohnung auf und ab fahrender Fahrstuhl die Nadel durcheinander gebracht. Ein Wasserkessel, der spricht – das Freiburger Institut fand heraus, dass zwei Metallplatten auf dem Herd Radiowellen empfangen konnten. Der Kessel übertrug die Geräusche, wenn der Nachbar das Radio anhatte.

Ungemütliche Atmosphäre

Roger Clarke wagte sich an Orte, die weit düsterer sind als eine Etagenwohnung in einem deutschen Mehrfamilienhaus. Der Tower von London, diese Stätte der Folter und Exekution, in der es natürlich nicht mit rechten Dingen zugehen kann, sowie das Gutshaus von Bettiscombe bei Dorset, bekannt wegen seines schreienden Schädels. In dieser nicht gerade gemütlichen Atmosphäre verbrachte Clarke ein paar Nächte. Ja, so sagt er, es sei etwas gewesen. Der Schädel schrie nicht. Aber während Clarke schlief (und nichts hörte) soll aus seinem Zimmer ein Krach zu seinen Freunden in der Etage unter ihm gedrungen sein, der sich anhörte, als würde er Möbel verrücken.

Roger Clarke hat ein Buch über seine Feldforschungen geschrieben, das unter dem Titel „Naturgeschichte der Gespenster“ auch in Deutsch erscheint. Darin erzählt er von berühmten Spukhäusern und den vielen Geschichten, die sich um sie ranken. Und er erzählt von den Menschen, die behaupten, Geister gesehen zu haben. Clarke hat schauderhafte Berichte ausgewertet und zahllose Quellen. Und er hat eine Klassifikation der Geister zusammengestellt. An ihr lässt sich ablesen, dass Geistererscheinungen auch soziale und historische Phänomene sind.

„Vieles, was als Geistererscheinung wahrgenommen wird, ist etwas anderes“, sagt er. Tricks, gestörte Wahrnehmungen. „Mein Kopf glaubt nicht an Geister“, sagt er und lächelt. Aber sein Gefühl sagt ihm etwas anderes. Er hat mit so vielen Menschen gesprochen, die ihm gesagt haben, dass sie Erfahrungen mit Geistern gemacht hätten. Das seien nicht irgendwelche Spinner. So viele eigene sonderbare Erfahrungen an unheimlichen Orten. Ist da wirklich nichts? Oder doch? „Ja“, sagt er. „Ich glaube, dass da etwas ist.“

„Naturgeschichte der Gespenster“, Matthes&Seitz, 320 Seiten, 38 Euro