Justiz

„Ich kann es nicht mehr aushalten“

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Dirk Hautkapp

22-Jähriger begeht nach jahrelangen Qualen in US-Haft Suizid

Das Wort „Besserungsanstalt“ wird schon lange nicht mehr in den Mund genommen, wenn die Rede auf Rikers Island kommt. Das Gefängnis auf der Insel im East River in New York ist nicht nur mit rund 13.000 Inhaftierten Amerikas zweitgrößter Knast, sondern auch berüchtigt für beinahe jede von exzessiver Gewalt begleitete Gräueltat, die sich hinter Gefängnismauern überhaupt vorstellen lässt. Erst im vergangenen Sommer legte das Justizministerium in Washington einen erschütternden Bericht vor. Verbunden mit der Auflage, so schnell wie möglich vor allem jüngere und psychisch kranke Insassen besser zu behandeln und zu betreuen, wie es der damalige Minister Eric Holder forderte.

Für Kalief Browder kommt die Reform zu spät. Er hat sich am Wochenende mit dem Elektrokabel einer Klimaanlage erhängt. Langzeitwirkung eines Martyriums, das man Amerika nicht zugetraut hätte. Browder, ein stiller Afroamerikaner aus dem New Yorker Problemviertel Bronx, war 16 Jahre alt, als er im Mai 2010 der Polizei in die Fänge geriet. Ein anderer Youngster hatte ihn des Rucksackdiebstahls beschuldigt. Browder bestritt den Vorwurf bis zuletzt energisch. Trotzdem verfrachtete ihn die Polizei damals direkt nach Rikers Island, ohne Anklage, ohne Verurteilung, und legte so den Grundstein für eine Spirale des Elends.

Zu einem Prozess kam es nie. Weil sein armes Elternhaus die Kaution von 10.000 Dollar nicht aufbringen konnte, blieb Kalief Browder buchstäblich sitzen. Drei Jahre lang wurde er ohne Gerichtsverfahren an einem Ort festgehalten, den er nach seiner Freilassung 2013 in einem Fernsehinterview bei ABC als „Hölle auf Erden“ beschrieb. Tägliche Misshandlungen durch ältere Knastbrüder, die von Jugendlichen nicht getrennt untergebracht werden. Fortgesetzter Missbrauch durch rabiate Wärter, die mit Waffen auf ihn einprügelten oder ihm tagelang das Essen verwehrten.

Zwei Jahre in Isolationshaft

In der Isolationshaft, in die man ihn fast zwei Jahre steckte, verlor Browder schrittweise den Willen zu leben. Mehr als einmal versuchte er, sich zu töten. Am Ende ließ man die Vorwürfe gegen ihn sang- und klanglos fallen. Ein Justizopfer in XXL. Als er in Freiheit kam, war Kalief Browder, wie seine Eltern dem Magazin „New Yorker“ sagten, ein anderer Mensch. Resignativ, depressiv, von Alpträumen, Verfolgungsängsten und Warum-das-alles-mir-Verzweiflung geplagt. „Keine Spur von Fröhlichkeit oder Zuversicht war mehr in ihm. Der Knast hat ihn gebrochen.“ Alle Versuche, ein neues Leben zu beginnen, an der örtlichen Volkshochschule seinen Abschluss nachzuholen, scheiterten. Zwischen Psychiatrie, Arztbesuchen und schweren Medikamenten löste sich der Mensch Kalief Browder allmählich auf.

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio nahm zuletzt regelmäßig Bezug auf Kalief Browder, wenn er die notwendigen Reformschritte auf Rikers Island beschrieb. Seit Januar dürfen dort Häftlinge unter 21 Jahren nicht mehr in Isolationshaft gehalten werden. Als vor wenigen Tagen brutale Videoaufnahmen auftauchten, die Browders Klagen über die leidvoll erfahrene „Kultur der Gewalt“ auf Rikers Island auf unerträgliche Weise beglaubigten, ging erneut ein Aufschrei durch die Medien.

Am vergangenen Wochenende sagte Kalief Browder seiner Mutter: „Ich kann es nicht mehr aushalten.“ Danach setzte er seinem Leben ein Ende.