Abschied

Der geliebteste aller Indianer

Pierre Brice war Schauspieler. Vor allem aber war er Winnetou. Jetzt ist 86-jährig gestorben

Er war der Held unserer Kinderzimmer, der Schwarm unserer Mädchenjahre. Je weniger er sprach, umso besser. Im Prinzip hatte er ja sowieso kaum Text. Eigentlich sagte er immer nur „Mein Bruder!“ und warf Old Shatterhand dabei diese fantastisch intensiven Blicke aus seinen leuchtend grünen Augen zu. Zehn Jahre später hätte man die Jungs für schwul gehalten, aber dies waren ja noch die die unschuldigen Sechzigerjahre. Als er starb, 1965 in „Winnetou 3“, saßen wir im Kino und heulten hemmungslos.

Zu Anfang muss Pierre Brice, der eigentlich Pierre Louis Baron Le Bris hieß und aus feinsten französischen Verhältnissen stammte, die Deutschen für verrückt gehalten haben. In Frankreich hatte er bereits mehrere Filme gedreht, stand jedoch im Schatten von Kollegen wie Alain Delon. In Italien und Spanien spielte er auch Hauptrollen. Als er 1962 mit dem spanischen Wettbewerbsbeitrag „Los Atracadores“ zur Berlinale kam, lernte er Horst Wendlandt kennen, der ihm eine der beiden Hauptrollen in den geplanten Karl-May-Filmen anbot.

Karl wer? Brice hatte keine Ahnung. Sagte später, er habe Karl May nie gelesen, der sei ja in Frankreich völlig unbekannt. Sagte damals, er könne gar nicht reiten. Und überhaupt: Indianer im Kino, das sei doch erfahrungsgemäß eine ethnologisch miese Sache, oder? Da griff die Agentin ein. Eine Jugoslawin, womit man schon quasi am Drehort war. „Der Schatz im Silbersee“ markierte den Beginn einer sensationellen Karriere, und – was auch nicht ohne war – er beförderte die deutsch-französische Freundschaft. Jedenfalls östlich des Rheins. (Ob die Franzosen die Karl-May-Filme je gesehen haben? Keine Ahnung.)

Zwanzig Jahre nach Kriegsende verknallten sich die Deutschen (ja, auch Jungs) in den schönen Mann aus Brest. Und wie unverbrüchlich diese Zuneigung war, konnte man daran ablesen, dass Brice noch Jahrzehnte später um Gastauftritte in Fernsehserien wie „Das Traumschiff“, „Die glückliche Familie“, „Klinik unter Palmen“ oder „Rote Rosen“ gebeten wurde.

Verkörperte Romantik

Im Gegensatz zum durchtrainierten Amerikaner Lex Barker, der den nüchternen Old Shatterhand spielte, und in dem die Deutschen sich naturgemäß selbst erkannten, war Pierre Brice die Verkörperung der Romantik. Diese Haare! Diese sanften Blicke! Diese geschmeidigen, fast tänzerischen (um nicht zu sagen: femininen) Bewegungen! Natürlich ließ ihn Wendlandt wieder auferstehen. Für die Karl-May-Filme „Der Ölprinz“, „Old Surehand“, „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“, für „Winnetou und sein Freund Old Firehand“.

Die „Bravo“ widmete Pierre Brice drei Starschnitte, das war Rekord, die zwölf Otto-Auszeichnungen und fünf Bambis waren es auch. Die Platten mit den umwerfenden Easy-Listening-Soundtracks von Martin Böttcher liefen auf allen Partys. Die Wirtschaftswunderjahre waren Winnetou-Jahre.

Dann brach eine andere Wirklichkeit herein. In Berlin wurde Benno Ohnesorg erschossen, prompt wehte auch im deutschen Kino ein anderer Wind. Im Vergleich zu den verrückt-gefährlichen Figuren, die den Köpfen von Fassbinder, Kluge, Herzog oder Wenders entsprangen, wirkten Barker und Brice über Nacht anachronistisch. Harmlos. Spießig. Fast schon reaktionär. Ein Jahrzehnt – von 1962 bis 1968 – hatten sie das deutsche Kino dominiert, dann waren sie weg. Abgemeldet.

Deshalb war die Überraschung groß, als Pierre Brice – Barker war schon 1973 im Alter von nur 54 Jahren gestorben – bei den Karl-May-Festspielen im sauerländischen Elspe wieder als Winnetou antrat. Und im holsteinischen Bad Segeberg, wo er von 1988 bis 1991 als Hauptdarsteller und Autor die Grundlage der heutigen Erfolge schuf. Und 1998 fürs ZDF den Zweiteiler „Winnetous Rückkehr“ machte.

Er hat das eben als Rolle seines Lebens begriffen. Als man ihn fragte, ob er es denn niemals satt gehabt habe, Winnetou zu sein, hat er als 75-Jähriger geantwortet, er habe diese Figur immer gemocht. Möge sie heute noch.

In Deutschland fühlte er sich zu Recht geliebt. Sein Publikum, hat Brice immer wieder gesagt, sei treu „und immer noch da“. Dass ihm RTL – das demnächst drei neue Winnetou-Filme drehen will – anbot, Winnetous Vater zu spielen, hat er zu Recht als ziemliche Unverschämtheit empfunden. Aber nur dezent gesagt, von dieser Idee sei er „nicht begeistert“. Und in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass er die große Integrität Winnetous in den zurückliegenden Jahrzehnten dazu genutzt habe, Menschen in Not zu helfen.

Ritter der Ehrenlegion

Tatsächlich war Pierre Brice, der aus seinen konservativen Grundüberzeugungen nie ein Geheimnis gemacht hat, Unicef-Botschafter. Er hat während des Balkankriegs Hilfsgüter nach Bosnien gebracht und nebenbei für den Tier- und Artenschutz in Rumänien gekämpft. Die Franzosen haben ihn für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, die Deutschen haben ihn mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt. Deutschland war Brice nicht nur nahe, weil er hier – im Gegensatz zu seiner französischen Heimat – ein Kinostar war, sondern ganz sicher auch, weil er eine Deutsche geheiratet hatte.

Pierre Brice hat vor zehn Jahren seine Autobiografie geschrieben. Sie hieß – natürlich – „Winnetou und ich“. Neben seinem Jagdschloss bei Paris wohnte er mit seiner deutschen Frau Hella in einer Villa in Garmisch-Partenkirchen. In ihren Armen ist er jetzt im Alter von 86 Jahren in einem Pariser Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Der Held unserer Kinderzimmer. Der Schwarm unserer Mädchenjahre. Der sanfte Mann mit dem markanten Kinngrübchen, den leuchtend grünen Augen und dem charmanten Akzent.

Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer? Das Ende von Pierre Brice stellt diese krude Äußerung von Generalmajor Philip Henry Sheridan (1831-1888) vom Kopf wieder auf die Füße: Der geliebteste aller Indianer ist tot. Er hatte ein langes und schönes Leben. Dass es zu Ende ging, macht das nicht weniger traurig.

Beerdigt werden soll der Franzose nun im Land seiner größten Erfolge. Denn „Winnetou“ hatte verfügt: „Meine ewigen Jagdgründe liegen in Deutschland.“