Waffengewalt

Eine nationale Tragödie

Wieder einmal hat sich ein Kind in den USA beim Spielen mit einer Waffe getötet. Einen Aufschrei erzeugt das schon lange nicht mehr

Der Schuss fiel morgens kurz nach neun Uhr in einem Haus in Meherrin, im Süden des US-Bundesstaates Virginia. Ein Knall, der nicht nur die Bewohner des Einfamilienhauses erschrecken ließ, sondern auch die ganze Nachbarschaft schockieren sollte. Ein zwei Jahre alter Junge, zu Besuch bei Verwandten, hatte allein in einem Schlafzimmer gespielt und auf einer Wäschekommode eine Pistole gefunden – geladen und ungesichert.

Der Kleine nahm die Waffe in die Hand, umschloss mit seinem Finger den Abzug und drückte ab. Mit tödlicher Wucht durchbohrte die Kugel den Kopf des Jungen. Zwei Tage später starb er im örtlichen Krankenhaus an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Ein Zweijähriger, der sich auf tragische Weise selbst erschießt. Bundesweit ist das für die großen TV-Stationen wie CNN, Fox oder ABC schon lange keine Geschichte mehr. Selbst bei den lokalen Medien geht die Tragödie kaum über eine längere Meldung hinaus. Und von einem Aufschrei kann schon gar keine Rede sein. Amerika scheint sich – so zynisch es klingen mag – an die Toten durch Waffengewalt gewöhnt zu haben. Jeden Tag sterben in dem Land, in dem die Verfassung das Recht auf Waffenbesitz schützt, durch die Kugel einer Pistole oder eines Gewehrs im Schnitt 92 Bürger oder einer etwa alle vier Stunden. Insgesamt sind es nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC mehr als 33.000 Tote im Jahr. Die 270 bis 310 Millionen Waffen, die nach Schätzungen in Amerika in Händen von Zivilisten sind – legal oder illegal –, fordern ihre Opfer. Dabei besitzt bei 318 Millionen Einwohnern der USA laut Statistik nur jeder dritte Haushalt eine Waffe.

Zu den Opfern der Waffengewalt gehören viele junge Menschen. Die Hälfte aller Toten und Verletzten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, ein Drittel unter 20. Aber auch immer mehr Kinder sind betroffen. Die gemeinnützige und waffenkritische Organisation Everytown for Gun Safety hat in einer Studie errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kindes in den USA, durch eine Waffe getötet zu werden, „etwa 16 Mal höher liegt als bei Kindern in anderen vergleichbar entwickelten Ländern“.

4,3 Millionen Waffenlobbyisten

Everytown for Gun Safety ist dabei eine stetig wachsenden Gruppe von heute mehr als 2,5 Millionen Bürgermeistern, Polizisten, Lehrern und Müttern aus dem ganzen Land, die sich für schärfere Waffengesetze einsetzt. Gegründet hatte sie sich nach dem Schulmassaker von Newtown in Connecticut. Dort hatte im Dezember 2012 ein Amokläufer 27 Menschen, darunter 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren, getötet. Damals war das Entsetzen groß, man forderte strengere Waffengesetze. US-Präsident Barack Obama setzte eine Taskforce ein. Doch die konnte striktere Gesetze nicht durchsetzen. Die mächtige, 4,3 Millionen Mitglieder zählende Waffenlobby National Rifle Association (NRA) blockierte erfolgreich jede Initiative. Heute spricht in Washington kaum noch jemand über eine Verschärfung der Waffengesetze. Auch ein Zweijähriger, der sich aus Versehen erschossen hatte, wird daran nichts ändern. Das Unglück passierte in einer Gegend, wo ohnehin fast jeder Haushalt eine Waffe hat, versuchen sich US-Medien an einer Erklärung. Der Tod des Jungen ist traurig, doch die Geschichte dürfte schon bald wieder vergessen sein. Die Organisation Moms Demand Action for Gun Sense in America, ein Zusammenschluss von Müttern, will solche Unglücke nicht mehr hinnehmen. Sie arbeiten gegen das Vergessen und haben in einem „Not An Accident“-Index die Kinder aufgelistet, die sich beim Spielen mit einer Waffe verletzt oder getötet haben.

Was die Mütter bei ihrer Untersuchung herausfanden, ist alarmierend. Jedes Jahr sterben in den USA nicht nur mehr als 100 Kinder bei „vermeidbaren Unfällen mit Waffen“. Die Zahl liegt auch deutlich höher als die offiziellen 62 toten Kinder, die die Behörden 2013 meldeten. Woher die Diskrepanz kommt, ist nicht ganz klar. Die Mütter unterstellen mangelhafte und fehlerhafte Ermittlungen. „In 70 Prozent der Fälle hätten diese Unglücke mit einfachen Mitteln verhindert werden können“, sagt Shannon Watts, die Gründerin von Moms for Action. Die Waffen hätten nur in abgeschlossenen Schränken verwahrt werden müssen. „1,7 Millionen Kinder leben in Haushalten mit Waffen, die geladen und nicht gesichert sind“, behauptet Watts. In den meisten Fällen wird den Kindern die eigene Neugierde zum tödlichen Verhängnis. So wie vermutlich auch in dem jüngsten Fall in Virginia.

Doch der zweijährige Junge aus dem 1883-Einwohner-Dorf Meherrin ist nicht der Einzige, der allein in diesem Jahr Opfer einer dieser vermeidbaren Tragödien wurde. Moms for Action zählte bundesweit bereits 101 solche Unfälle, jeder vierte endete tödlich. Allein im Monat Mai listete die Gruppe 23 „Unfälle mit Waffen“ auf. So schoss sich am selben Tag wie in Virginia auch die vierjährige Makayla Manners in Yonkers im US-Staat New York mit einer Pistole ins Gesicht. Das Mädchen hatte die Waffe im Haus seiner Eltern, die zum Zeitpunkt des Unglücks vor der Tür mit Nachbarn stritten, gefunden. Makayla kämpft in einer Klinik noch immer um ihr Leben. Zwei Tage zuvor, am 23. Mai, endete das Spielen mit einer geladenen Waffe für einen dreijährigen Jungen in Tougaloo College bei Jackson in Missouri dagegen tödlich. Darius Coleman hatte die Pistole im Haus seiner Mutter gefunden.

„Das Leben unserer Kinder ist uns wichtig, sie zählen etwas in diesem Land“, sagt Shannon Watts. Amerika habe Gesetze, um die Jüngsten unter uns vor Unfällen in Gefriertruhen zu schützen oder vor dem Ertrinken in Swimmingpools. Doch wenn es um Waffen gehe, schaue man immer weg. „Das ist eine nationale Tragödie, und sie muss endlich gestoppt werden.“