Naturkatastrophe

Wieder bebt Nepal

Das arme Land am Himalaya kommt nicht zur Ruhe. Erneut gibt es zahlreiche Todesopfer und schwere Schäden

Der Himalaya kommt nicht zur Ruhe. Am Dienstag gegen 12:50 Uhr Ortszeit hat erneut ein starkes Erdbeben Nepal erschüttert und Menschen in den Tod gerissen. Mindestens 48 Menschen kamen bei dem Beben ums Leben, wie die Behörden des Landes mitteilten. Mehr als 600 Menschen seien verletzt worden. Vermutlich gibt es weitere Todesopfer. So sagte Polizeikommissar S.P. Magar, am Neuen Markt in Kathmandu sei ein fünfstöckiges Haus zusammengestürzt. „Wir fürchten, dass es Tote gibt, denn unter dem Gebäude stand ein Taxi. Der Internationale Flughafen von Kathmandu – Drehkreuz der Hilfe aus aller Welt – musste zeitweilig geschlossen werden.

Das Epizentrum des Bebens der Stärke 7,3 lag nach Angabe des Geologischen Dienstes der USA in einer entlegenen Region knapp 80 Kilometer östlich von Kathmandu nahe der Grenze zu China. Innerhalb einer halben Stunde folgten zwei Nachbeben der Stärken 5,6 und 6,3. Nepal liegt auf der Stelle, wo sich die Indische Kontinentalplatte unter die Eurasische Platte schiebt. Dort bauen sich Spannungen in der Erdkruste auf, die sich episodisch entladen.

Die Menschen in der Hauptstadt rannten wegen der neuerlichen Erschütterungen auf die Straße. Der Sprecher der indischen Botschaft, Abhay Kumar, sagte, einige Gebäude in Kathmandu seien eingestürzt. Nach Expertenangaben waren bei dem Beben am 25. April an den Gebäuden große bauliche Schäden entstanden. Sie könnten bei folgenden Beben besonders gefährdet sein. Unicef-Mitarbeiterin Rose Foley sagte, es scheine, dass die Erschütterungen immer weiter gingen. „Es fühlte sich an, wie auf einem Boot in rauer See zu sein.“ Man denke an die Kinder im ganzen Land, die noch immer litten. „Das neue Beben könnte sie noch verletzlicher machen.“

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf kamen in der Stadt Chautara mindestens vier Menschen ums Leben. Einige Gebäude seien eingestürzt. Chautara wurde nach dem Beben vom 25. April zum Zentrum für humanitäre Hilfe, von dem aus Retter in entlegene Gebiete ausgesendet werden. Dutzende Helfer sind hier stationiert. IOM-Sprecher Paul Dillon sagte, ein Rettungsteam seiner Organisation suche in den Trümmern nach Überlebenden. Das norwegische Rote Kreuz, das in Chautara in einem 60-Betten-Krankenhaus hilft, teilte via Twitter mit, dass viele Menschen verletzt und einige umgekommen seien. Die Menschen hätten fürchterliche Angst. Alle seien nach draußen auf die Straßen gerannt.

Erschütterungen auch in Indien

Rasmus Baastrup, ein dänischer Arzt von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, sagte einem dänischen Fernsehsender, er sei schnell nach draußen gegangen. „Ich konnte nicht rennen, weil die Erde so stark schwankte.“ Ihm sei gesagt worden, dass die Mitarbeiter seiner Organisation überlebt hätten.

Die starken Erdstöße waren auch in den Nachbarländern China und im Norden Indiens zu spüren. In Indien kamen nach offiziellen Angaben drei Mädchen bei Hauseinstürzen ums Leben. In China starb eine Frau, als sie von herabstürzenden Steinen erschlagen wurde. Im rund tausend Kilometer vom Epizentrum entfernten Neu-Delhi liefen die Menschen nach draußen, die Gebäude schwankten. Auch in der nordindischen Stadt Bihar flüchteten laut Fernsehberichten viele Menschen auf die Straßen.

Am 25. April hatte ein Beben der Magnitude 7,8 das bitterarme Himalaya-Land Nepal getroffen. Die Magnitude gibt die Stärke der Bodenbewegungen an. Jeder Punkt auf der Skala bedeutet etwa eine Verzehnfachung der Bebenstärke. Ein Erdbeben der Magnitude 8,0 ist demnach zehnmal so stark wie eines mit 7,0. Beim Beben vom 25. März kamen mehr als 8150 Menschen ums Leben, weitere 17.860 weitere wurden verletzt.

Die Nepalesen waren in den Tagen nach dem Erdbeben vor gut zwei Wochen ohnehin von Dutzenden Nachbeben erschreckt worden. Mittlerweile hat das verarmte Land die internationale Gemeinschaft zu Spenden aufgerufen. Ärzte versuchen die Verletzten zu behandeln. Hubschrauber bringen den Hunderttausenden Obdachlosen Nahrung und Zelte in Gegenden, die wegen Erdrutschen auch nach mehr als zwei Wochen immer noch nicht zu erreichen sind.

Wegen der Katastrophe leben Hunderttausende obdachlose Kinder in Lagern. Sie seien in Gefahr, ausgebeutet zu werden, warnte die Kinderschutzkommission der nepalesischen Regierung am Dienstag. Die Jungen und Mädchen seien großen Risiken ausgesetzt, weil so viele Menschen gezwungen seien, auf engstem Raum in Zelten zusammen zu leben. Im Radio laufen inzwischen Hinweise, dass Eltern ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen sollten und Verdächtige in den Lagern beobachten sollten.