Ermittlungen

Suche nach Inga abgebrochen

Polizei fürchtet, dass die Fünfjährige Opfer eines Verbrechens wurde

Keine verlorenen Gegenstände, keine abgeknickten Äste, keine Kampfspuren, keine Fuß- und Reifenspuren, keine gehörten Schreie, keine verdächtigen Beobachtungen. Die Aufzählung des Polizeisprechers Marc Becher zu den Ergebnissen der tagelangen Suche nach der vermissten Inga im Norden Sachsen-Anhalts klingt ernüchternd. Es scheint, als sei das fünfjährige Mädchen wie vom Erdboden verschluckt. Die Suche im Wald wurde vorerst eingestellt.

Becher wird trotz der dünnen Spurenlage nicht müde zu betonen: „Wir setzen alles daran, das Mädchen zu finden.“ Aber nach fünf Tagen spricht die Polizei am Donnerstag erstmals offiziell davon, dass eine Straftat immer wahrscheinlicher werde. Der Anfangsverdacht für das eingeleitete Verfahren lautet aus Mangel an konkreten Hinweisen zunächst: Entziehung Minderjähriger. Die Kriminalpolizei sucht mit aller Kraft nach einer heißen Spur.

Das blonde Mädchen mit den blauen Augen und der großen Zahnlücke war am Samstagabend auf der Suche nach Feuerholz in den Wald gegangen – und nicht zurückgekehrt. Inga war mit ihrer Familie aus Schönebeck zu Besuch in Wilhelmshof, einem abgelegenen Ortsteil von Stendal. Er ist wie eine Mini-Exklave umgeben von Wald, die nächste Ortschaft Kilometer entfernt. Dort wurde Inga zuletzt gesehen, dort muss sie verschwunden sein.

Mehr als tausend Helfer durchkämmten Tag und Nacht immer wieder das Waldgebiet auf einer Fläche von 5000 Fußballfeldern. Hubschrauber flogen, 40 Spezialhunde waren bei den Patrouillen dabei. Zeitgleich befragen die Ermittler die Bewohner sowie die Mitarbeiter und Patienten der dortigen Klinik. Die Antwort auf die Frage nach Ergebnissen der aufwendigen Suche klingt täglich bedrückter: „Nichts. Keine Spur von Inga.“ Dabei schwingt das Wissen mit, dass die Zeit gegen die Ermittler läuft.

„Gerade bei kleinen Kindern ist der Faktor Zeit entscheidend“, sagt Lars Bruhns. Er ist der Vereinsvorsitzende der Initiative Vermisste Kinder, die seit 1997 betroffenen Eltern hilft. Je mehr Zeit verstreiche, desto schwieriger werde es. „Solche Vermisstenfälle sind sehr, sehr selten“, sagt der 34-Jährige. Jährlich würden zwar etwa 100.000 Kinder vermisst gemeldet, sagt er. Aber mehr als 99 Prozent kämen binnen kürzester Zeit wohlbehalten nach Hause zurück. Die Polizei leiste im Fall Inga hervorragende Arbeit, habe schnell reagiert und auch die Öffentlichkeit früh um Hilfe gebeten. Der Druck auf die Ermittler sei sehr groß, sagt Bruhns. „Die Polizei steckt in dem Dilemma, dass die alarmierte Öffentlichkeit nun nach Erkenntnissen verlangt.“

„Puzzlearbeit“ nennt Polizeisprecher Becher das, was die Ermittler jetzt fieberhaft machen. Jedem der Hunderten Hinweise aus der Bevölkerung werde nachgegangen. Jeden Tag werde neu entschieden, wie viele Ermittler an dem Fall arbeiten. „So viele, wie gebraucht werden.“ Gebraucht für das eine Ziel, Inga endlich zu finden.