Naturkatastrophe

„Ich würde mir vorkommen wie ein Verräter“

Berlinerin überlebt das Erbeben in Nepal. Sie bleibt und hilft

„Ich kann mich in einen Flieger setzen und fliehen. Die Menschen hier können es nicht“, schreibt Ann-Carolin Helmreich in ihrem Blog. Seit einigen Wochen ist die Berlinerin in Nepal. Das schwere Erdbeben hat sie miterlebt, hautnah, mitten in Kathmandu. Sie hat die Schreie der Menschen gehört und auch das unheimliche Knirschen der Erde unter ihr. „Der ganz eigenwillige Ton, der dabei erklingt, wenn alles zum Schwingen gebracht wird, geht durch Mark und Bein.“, schreibt sie. Helmreich will in Nepal bleiben und helfen: „Ich würde mir vorkommen wie ein Verräter, nachdem dieses Land so wunderbar zu mir war und nun so hart getroffen wurde.“

Im Gegensatz zu viele anderen Häusern in der Nachbarschaft ist das Hotel, in dem Ann-Carolin Helmreich wohnt, fast unversehrt geblieben. „Ich bin mehr als nur dankbar, dass ich abgesehen von einem Trauma unverletzt geblieben bin. Doch das Gefühl, dass ständig die Erde bebt, auch wenn sie es nicht tut, bleibt auch am vierten Tag. Jede Kofferraumtür, die zuschlägt, lässt uns zucken.“ Inzwischen lebt die Berlinerin in ihrem Hotel nicht mehr wie ein Gast, sondern in einer Art improvisierter Familie, in der sie, wie sie sagt, „die Mutterrolle“ eingenommen hat. „Die Angestellten sind alle Anfang zwanzig und mit allem überfordert. So habe ich mich in die Küche gestellt und koche bei Kerzenschein aus ein paar Packungen Nudelsuppe und ein paar Gemüsesorten, die noch da sind, eine Suppe für alle.“ Fast alle, Gäste und Angestellte, verbringen ihre Nächte im Garten, schlafen unter freiem Himmel auf Isomatten, aus Angst, dass es weitere Beben gibt.

In Helmreichs Augen ist die nepalesische Regierung nicht fähig, wirklich etwas in die Hand zu nehmen und so übernehmen China und Indien, aber auch immer mehr europäische Länder, die Ersthilfe. „Das Land befindet sich in einer Schockstarre. Es ist kein Fatalismus, aber es ist eine kulturelle Begebenheit mit der ich schwer leben kann. Mein Hotelmanager ist total überfordert, so dass ich beginne, Schilder zu schreiben, dass wir Wasser sparen müssen und einen Plan aushänge, wann der Generator für Strom angeschaltet wird.“

Ann-Carolin Helmreich kann zupacken und improvisieren, aber sie vermisst „deutsche Tugenden. Es gibt keine Armeezelte, kein THW, keinen Plan. Ich frage mehrfach, wo ich Blut spenden kann. Ich bin niemand, der Leichen bergen kann, aber ich will endlich was tun.“ Gemeinsam mit ihrem nepalesischen Freund Krishna kauft Ann-Carolin Helmreich jetzt Lebensmittel, Wasser und Babysachen und fährt aufs Land, um der Bevölkerung dort zu helfen.

Der Blog der couragierten Berlinerin in Nepal: https://acundmarko.wordpress.com/