Naturkatastrophe

Überleben in Nepal

Hunger, Durst und Leichengeruch treiben die Menschen in den Widerstand gegen die Regierung

„Wo ist die Regierung?“, fragt Buddha Maya Koju, ein Gemüseverkäufer aus einer zerstörten Siedlung nahe von Nepals Hauptstadt Kathmandu. Wie Tausende andere, die ihre eingestürzten Häuser verlassen haben, wartet sie ungeduldig auf Hilfe. Doch die politische Führung ist überfordert, und die Nerven der Menschen liegen am fünften Tag nach dem verheerenden Beben blank. Es fehlt an Grundnahrungsmitteln. Sauberes Wasser ist eine Rarität, und jeder ist sich nur noch selbst der Nächste. Der Rauch der nach Hindutradition verbrannten Leichen liegt in der Luft.

Weit über 5000 Opfer wurden bisher gezählt, und noch immer liegen Unzählige unter den Trümmern begraben – vor allem in den Dörfern nahe dem Epizentrum, zu denen bis heute noch keine Hilfe hat vordringen können. Die 85-jährige Surya Maya Shrestha hat mit ihrer elfköpfigen Familie Zuflucht in einem Lastwagen gefunden. Vier der kleinen Kinder sind krank. Die Trümmer, die einst ihr Dorf waren, stinken inzwischen trotz der tiefen Temperaturen zum Himmel. Unter dem Schutt liegen Tote. „Die Situation vor Ort ist gruselig“, berichtet ein polnischer Helfer. Im Schlamm und Regen werden immer mehr Alte und Kinder krank. Die Verwundeten werden kaum gesund. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann Cholera und Durchfallepidemien ausbrechen.

Die Hilfslieferungen verrotten

21 Länder, darunter Deutschland, beteiligen sich an der Hilfsoperation, doch die Regierung Nepals hat keinen Plan für die Verteilung der Güter und den sinnvollen Einsatz der Teams. „Decken, Zelte und Lebensmittel sind längst in Kathmandu angekommen“, klagt ein anonymer Beamter aus Bhaktapur verbittert, „sie verrotten wahrscheinlich irgendwo in einem Lager.“ So verrinnt wertvolle Zeit. Es gibt nicht einmal Listen über die gelieferten Materialien oder über bereits erfolgte Verteilungen. Gerüchte von Vetternwirtschaft gehen um, von abgezweigten Gütern für Freunde und Verwandte der Politiker. Der Unmut wächst, denn, so schreibt die Tageszeitung „The Himalayan“, die Behörden sind auch nicht bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sie hier komplett versagen.

In den Nächten ohne Strom kommt es verstärkt zu Diebstahl und Überfällen. Die Menschen schlafen noch immer im Freien, ihre Habseligkeiten um sich gerafft. Kriminelle und Verzweifelte nutzen die Dunkelheit. Die Sicherheitskräfte sind machtlos. Nepal hat, so schreibt die Zeitung „Kathmandu Post“, nur 240 ausgebildete Polizisten, die Armee 20.000 Soldaten. Die Bilder aus den Trümmern sind ernüchternd. Zivilisten graben immer noch mit bloßen Händen in den Ziegelscherben und Zementbrocken, dann kommen uniformierte Soldaten zögerlich dazu, bewaffnet mit Plastikeimern und Spitzhacke.

Andere prügeln mit Schlagstöcken auf verzweifelte, wütende Menschen ein, anstatt nach Überlebenden zu suchen oder Hilfsgüter zu verteilen. Vor dem Regierungsgebäude vertrieben Polizisten so immer wieder Gruppen von protestierenden Männern und Frauen. Am Mittwochvormittag trieben Sicherheitskräfte in Kathmandus Stadtteil Baneshwor Hunderte mit Stöcken auseinander, die verzweifelt ausreisen wollten. Man hatte ihnen Gratisbusse versprochen, die aber nie auftauchten. Gegen Mittag brach die Wut aus. Rund 200 Personen protestierten vor dem Parlament und forderten Transportmöglichkeiten sowie eine zügigere Verteilung der Nothilfe.

Angriff auf Minister-Konvoi

Im selben Viertel griffen empörte Menschen einen Konvoi von Ministern und Beamten der Planungskommission an. Die Sicherheitskräfte mussten die Politiker an einen sicheren Ort eskortieren. Nepals Medien ereifern sich über das Versagen der politischen Führung und schreiben etwa über den Premierminister Koirala, der während einer wichtigen Krisensitzung einschlief und über Vorfälle, bei denen Beamte und Politiker sich Hilfsgüter in die eigene Tasche steckten.

„Eine der größten Krisen, die wir gerade erleben, ist die (fehlende) Fähigkeit der politischen Führung, aufzustehen und direkt mit den Menschen zu kommunizieren, sie zu beruhigen“, schreibt der Autor Ajaya Bhadra Khanal von der „Kathmandu Post“. Er fügt spöttisch hinzu, dass die ersten wirklichen Trostworte für die Nepalesen nicht von ihrer Führung gekommen seien, sondern vom Premierminister des Nachbarlandes Indien, Narendra Modi. Dem sei die Bevölkerung Nepals nun dankbar, nicht ihrer eigenen Regierung.