Gewalt

Wut in Baltimore

Wieder stirbt ein schwarzer US-Bürger nach der Festnahme durch die Polizei

In den USA reißt die Serie von tödlicher Polizeigewalt gegen schwarze Bürger nicht ab: In Baltimore erlitt der Schwarze Freddie Gray nach seiner Festnahme so schwere Rückenmarkverletzungen, dass er starb. Stadt und Polizei versprechen nun Aufklärung. Der bei Gericht hinterlegte Polizeibericht spricht von einer „Festnahme ohne Gewaltanwendung oder Vorkommnisse“. Doch am Ende seiner Fahrt mit dem Polizeiwagen zur Wache muss eine Ambulanz angefordert werden. Sie bringt ihn zum Krankenhaus. Dort wird er wegen schwerer Verletzungen an der Wirbelsäule operiert. Eine Woche später stirbt Gray.

Was genau passiert ist, ob Gray schon bei der Festnahme am 12. April verletzt wurde oder erst im Polizeiwagen ist unklar. Selbst neun Tage nach den Ereignissen hat die Polizei keine Erklärung vorgelegt, wie es zu dem schweren Trauma kam. Laut Angaben von William Murphy, Bürgerrechtler und Anwalt der Familie Gray, war Grays „Wirbelsäule am Hals zu 80 Prozent durchtrennt gewesen“.

„Das ist eine sehr, sehr angespannte Zeit für Baltimore und ich verstehe die Frustration in der Gemeinde“, sagte die schwarze Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag. Sie sei selbst frustriert und wütend, dass die Stadt erneut an solch einem Punkt sei, einer weiteren Mutter sagen zu müssen, dass ihr Kind tot sei. Und sie sei auch frustriert darüber, dass sie keine Antworten habe. Rawlings-Blake appellierte an die Bewohner, friedlich zu demonstrieren und sagte zu, dass der Vorfall mithilfe „unabhängiger Augen von außerhalb“ untersucht werde.

Auch Polizeichef Anthony Batts versuchte die Wogen zu glätten. Die sechs an der Festnahme beteiligten Beamten wurden vom Dienst suspendiert, während seine Behörde versucht, Licht in die mysteriösen Umstände zu bringen. Bisher weiß man, dass Gray auf Verdacht festgenommen wurde, weil er weglief, als die Polizei in einer der Kriminalitätshochburgen Baltimores auftauchte. Die Polizisten stellten ihn und nahmen ihn fest, weil sie angeblich ein illegales Schnappmesser in seiner Hosentasche fanden.

Im Transporter verletzt

Es gibt Smartphone-Videos von zwei Passanten, die zeigen, wie Gray auf dem Boden liegt und dann offenbar unter Schmerzen zum Polizeitransporter getragen wird. Schwere Verletzungen sind nicht zu erkennen, Gray scheint aber die Füße schleifen zu lassen. „Als er in den Transporter gebracht wurde, war er in der Lage, zu reden, er war erregt“, sagt der stellvertretende Polizeichef Jerry Rodriguez. „Und als er dann wieder aus dem Transporter geholt wurde, konnte er nicht reden und nicht atmen.“ Die „Baltimore Sun“ zitiert Bewohner des Viertels. Sie wollen gesehen haben, wie Gray im Transporter verprügelt worden sei. Die Polizei bestreitet diese Darstellung.

Die Ermittlungen konzentrieren sich derzeit darauf, was während des Transports passierte. Gray habe um einen Inhalator gebeten, als er in den Van gebracht wurde, die Beamten hätten aber keinen gehabt und hätten auch nicht nach einem Krankenwagen gerufen, so Rodriguez. Gray habe sich dann „zornig“ verhalten. Deshalb habe der Transporter nach sieben Minuten angehalten, die Beamten hätten die Festnahmepapiere ausgefüllt und Gray im Wagen fixiert. Der Van habe dann auf dem Weg noch einmal gestoppt, um einen weiteren Gefangenen aufzunehmen.

Gray habe zu diesem Zeitpunkt noch mit den Beamten geredet. Nach der Ankunft in der Polizeistation sei dann ein Krankenwagen gerufen worden, weil Gray nicht mehr ansprechbar war – eine halbe Stunde nach Fahrtbeginn. „Während des Transports zur Wache hatte der Beschuldigte einen medizinischen Notfall und wurde sofort per Ambulanz zur Schock-Trauma-Abteilung gebracht“, so der Polizeibericht.

Gray war zuvor mehrfach wegen Drogen und Kleinkriminalität mit der Polizei in Konflikt geraten. In den kommenden Monaten sollte er sich dafür in mehreren Fällen vor Gericht verantworten. Für Baltimore und seinen Polizeichef Anthony Batts ist dieser mysteriöse Todesfall ein schwerer Rückschlag. Der schwarze Polizeichef war 2012 aus Kalifornien geholt worden, um die Beziehungen zwischen Polizei und Bürgern zu verbessern.