Flugsicherheit

Eine Vision: Flugzeuge ohne Piloten

Der Germanwings-Absturz wirft erneut die Frage auf, ob ferngesteuerte Jets sicherer sind

Heute vor genau vier Wochen zerschellte eine Germanwings-Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den südfranzösischen Alpen. Alle 144 Passagiere, vier Crewmitglieder und die beiden Piloten starben. Der unter Depressionen leidende Copilot Andreas Lubitz soll den Airbus absichtlich zum Absturz gebracht haben. Vorher sperrte er den Flugkapitän aus dem Cockpit aus. „Öffne die Scheiß-Tür!“ waren laut der Luftfahrt-Website Aerotelegraph.com die letzten Worte des Kapitäns, die der Stimmenrekorder aufzeichnete.

Alle Wrackteile sind geborgen

Am vergangenen Freitag wurde mit einer Trauerfeier im Kölner Dom der 149 Opfer und des Copiloten gedacht, am Montag konnte die Bergung des Wracks in den französischen Alpen abgeschlossen werden.

Angesichts dieses Unglücks hat die Debatte über selbstständig fliegende Jets wieder Auftrieb erhalten. Kann das Fliegen sicherer werden, wenn keine Piloten mehr im Flugzeugcockpit sitzen? Die Umsetzung dieser radikalen Idee ist noch Jahrzehnte entfernt – sofern sie jemals Realität wird. Dazu gehört der Vorschlag, zu erlauben, dass die Behörden am Boden die Kontrolle über ein Flugzeug übernehmen, wenn im Cockpit Gefahr im Verzug ist.

Experten warnen vor potenziellen Risiken einer solchen Technik. Zudem ist ein absichtlich verursachter Absturz im Luftverkehr die absolute Ausnahme. Jedes Jahr werden weltweit rund 34 Millionen Flüge mit mehr als drei Milliarden Passagieren abgewickelt. Die Zahl der von Verkehrspiloten gezielt herbeigeführten Abstürze in den vergangenen drei Jahrzehnten: weniger als zehn. „Wäre das wirklich die klügste Investition?“, fragt Patrick Smith, Pilot mit 25 Jahren Erfahrung und Autor des Sachbuchs „Cockpit Confidential“. Sogar die neuesten Flugzeuge müssten für viel Geld umgerüstet werden. Und damit sei noch nicht das Risiko behoben, dass Terroristen sich in die Kommunikationsverbindungen hacken und das Flugzeug übernehmen könnten.

Andererseits ist das Konzept gar nicht so weit hergeholt. Früher schien ein Aufzug ohne Liftboy unvorstellbar, heute steigt jeder ohne nachzudenken in einen Aufzug. An Flughäfen gibt es zwischen Terminals Züge ohne Fahrer, ebenso in manchen U-Bahnsystemen. Sogar Autos beginnen die Kontrolle zu übernehmen: Einige Modelle bremsen bei einem plötzlichen Hindernis automatisch. Und bei den US-Streitkräften lenken Piloten Drohnen per Fernsteuerung. Doch Flugzeuge bewegen sich nicht im abgegrenzten Raum eines Aufzugsschachts oder von Gleisen. Und Fliegen wirkt seit jeher unnatürlich. Wenn ein Flugzeug ein seltsames Geräusch macht oder auf Turbulenzen trifft, warten die Passagiere auf die beruhigende Stimme des Piloten, der ihnen sagt, dass alles in Ordnung ist.

„Der wahre Grund, warum ein Mensch einen anderen Menschen im Cockpit haben möchte, ist, dass er glauben möchte, dass da jemand vorne ist, der sein eigenes Schicksal teilt und der, falls etwas schiefgeht, alles tun wird, um sein eigenes Leben zu retten“, sagt Mary Cummings, frühere US-Kampfpilotin. Sie forscht inzwischen als Professorin an der Duke-Universität in North Carolina über autonomes Fliegen. Cummings und andere Experten glauben, dass in den USA zunächst Frachtflugzeuge ohne Piloten fliegen werden. Die Fluggesellschaften würden die Ausbildung von Piloten, Gehälter, Pensionszahlungen sowie Hotel- und Reisekosten einsparen. Zudem könnten Piloten am Boden einander ablösen, sodass sie normale Acht-Stunden-Schichten hätten. In etwa zehn bis 15 Jahren könnte diese Vision so weit sein. Die wirtschaftlichen Fakten seien einfach überzeugend. Extremsituation hätten Piloten nur sehr selten zu bewältigen. Auf einen Notfall reagierten sie daher vielleicht nicht immer perfekt. Stattdessen könnte man am Boden zur Unterstützung der Fernsteuerpiloten Spezialisten hinzuziehen und so das Fehlerrisiko minimieren, so Todd Humphreys, Professor für Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität von Texas.

Piloten sind allerdings überwiegend anderer Ansicht. Sie müssten im Bruchteil einer Sekunde Entscheidungen treffen, sagen sie. Ein Beispiel dafür ist US Airways Flug 1549, der 2009 auf dem Hudson-Fluss nahe dem New Yorker Hafen notlandete. Flugkapitän Chesley Sullenberger musste sich dazu innerhalb von Sekunden entscheiden, nachdem beide Triebwerke durch Vogelschlag ausgefallen waren. Und wie würden Piloten in Tausenden Kilometern Entfernung mit einem Brand im Cockpit umgehen? Letztlich wird es von den Passagieren abhängen. Haben sie mehr Angst davor, dass sie von einem kriminell handelnden Piloten umgebracht werden – oder vor einem Flugzeug ohne jeglichen Piloten an Bord?