Partnerschaft

Rundum-sorglos-Paket für die Scheidung

In Dortmund fand die erste deutsche Scheidungsmesse statt – inklusive einer Verkupplungsparty für den Neustart in die Zweisamkeit

Annemarie und Helmut haben einen langen Weg hinter sich. Heute, hierher, nach Dortmund, wo blöderweise am gleichen Tag der BVB spielte, die Fans die Straßen verstopft und die Anreise mühsam gemacht haben. Aber auch generell, im Leben. Mein Gott, so ein Leben, mit 44 (sie) und 49 (er) Lebensjahren, das will auch erst mal gelebt sein. Heute treffen sich die beiden nicht wie sonst bei ihm, in Hamm, und nicht bei ihr, in Mönchengladbach, sondern in der Mitte, in Dortmund. Der Grund: Sie denken ans Heiraten, nach zehn Jahren Fernbeziehung. Nach zehn Jahren, ja, da kennt man sich etwas. Aber kennt man sich jemals richtig?

Natürlich könnte man einfach heiraten, andere tun das ja auch, aber anders als die meisten wissen Helmut und Annemarie, dass Heiraten gut überlegt sein sollte, sehr gut. Sie wissen, dass Heiraten ein Risiko ist. Weil sie das Risiko minimieren wollen, sind sie hergekommen – in den Goldsaal der Westfalenhalle, auf Deutschlands erster Scheidungs- und Wiederanbahnungsmesse. Rechtsberatung, Finanzberatung. Beratung rund um den Ehevertrag, rund um die Scheidungsfolgen. Und Beratung für den Neustart. Denn Geschiedenwerden ist die beste Voraussetzung fürs Wiederheiraten – Scheidung und Neustart ist in den Augen der Veranstalter eine kongeniale Mischung für ein Messeevent.

Annemarie und Helmut mögen das Risiko nicht, sie haben zu viel erlebt. Helmut hatte schon einmal eine Freundin, das war lange vor Annemarie. Sie hat ihn verlassen. Annemarie war schon einmal verheiratet, katholisch. Heute ist sie geschieden und hat zwei Kinder, fast erwachsen.

30 Dienstleister bieten Hilfe an

Helmut würde vielleicht nicht so zögern mit der Hochzeit, wenn er nicht Angst hätte vor den unwägbaren finanziellen Folgen. Die will er verhindern. Fragen, die man ungern stellt, obwohl Helmut findet, dass sie gestellt werden müssen. Hier kann er sie stellen. Alle Fragen, auch die peinlichsten. Fragen an einen Detektiv, Fragen an ein Vaterschaftstestlabor. 30 Dienstleister bieten an Messeständen ihre Hilfe und (heute und hier) kostenlose Beratung an.

Auf die Idee einer Scheidungsmesse muss man erst einmal kommen. Hochzeitsmessen – okay. Die gibt es in jeder größeren Stadt. Aber – hallo? Man weiß doch, dass fast 50 Prozent aller Ehen scheitern. Scheidung ist ein Riesengeschäft. Vor allem für Familienanwälte, die sich mit überhöhten Gebühren an vielen Scheidungen gesundstoßen. Das sagt Christopher Prüfer. Er ist einer der Organisatoren dieser Messe. Er hat erkannt, dass Deutschland scheidungsmäßig ein Entwicklungsland ist. Jeder Zweite lasse sich hier scheiden, aber kaum einer wolle drüber reden, das sei doch irre, sagt er.

„Wir“, sagt Prüfer und meint seine Online-Beratungsplattform scheidung.de, „wollen das Thema Ehescheidung enttabuisieren.“ So wie in Frankreich. Was die Ehescheidung betrifft, sei Frankreich weit vorn – was vielleicht daran liegt, dass in Frankreich fast jeder geschieden ist. Der letzte Präsident, der amtierende Präsident. In Frankreich hat Prüfer schon einige Scheidungsmessen organisiert. Die Franzosen, die seien einfach sehr entspannt in Scheidungsfragen. So müsse es auch in Deutschland werden, sagt Prüfer, und er, der erst vor drei Jahren zum ersten Mal geheiratet hat, will das seine dazu beitragen. Es braucht nur noch ein bisschen PR. Und die hat er in Dortmund bekommen. Kunden, also scheidungs- und Neustartwillige, sind schon einige gekommen, aber dieses Jahr noch zu wenige, sagt Prüfer – jedenfalls weniger als erwartet. Bei der nächsten Scheidungsmesse ist der Durchbruch sicher. Genug Journalisten für die nötige Werbung waren jedenfalls da. Sie stürzten sich auf die wenigen Kunden und fragten: Warum? Warum sind Sie her? Warum gehen Sie nicht zum Anwalt? Warum wollen Sie sich scheiden lassen?

Helmut und Annemarie haben heute ein Dutzend Interviews gegeben, mindestens. Es sei zwischendurch ein bisschen lästig gewesen. Am Ende hat Helmut dann trotzdem geschafft, mit den richtigen Experten zu reden. Was ihn besonders freut: „Hat nichts gekostet.“

Annemarie hat sich auf der Scheidungsmesse die Fingernägel lackieren und von einer Astrologin die Zukunft mit Helmut vorhersagen lassen.

Und jetzt ist die Messe aus, und Helmut und Annemarie sitzen auf Barhockern neben einer leeren Tanzfläche. Die geplante Party der Geschiedenen wurde abgesagt, weil niemand kam. Die beiden trinken Sekt. Es läuft noch ein bisschen Musik. Deutschland ist wohl noch nicht reif für eine Scheidungsmesse. Noch nicht.