Ernährung

Weiblich, prominent – und essgestört

Stars standen einst für Exzesse. Heute inszenieren sie sich lieber als Vorbild für Selbstdisziplin bei den täglichen Mahlzeiten

Falls Sie je in die Verlegenheit kommen sollten, sich trotz Armut ernähren zu müssen, sollten Sie Gwyneth Paltrow konsultieren. Die US-Schauspielerin hat jüngst erkundet, wie viel gesunde Lebensmittel man für 29 Dollar bekommt – der Betrag, den in den USA bedürftige Familien wöchentlich für Lebensmittelmarken erhalten. Ihr Vorschlag: ein Zwölferkarton Eier, je eine Packung Reis, schwarze Bohnen und Erbsen, ein wenig Gemüse (eine Süßkartoffel, eine Tomate, eine Avocado usw.) sowie sieben Limonen. Aus diesen Zutaten schlug sie „Schwarze-Bohnen-Küchlein mit einer Salsa von gegrilltem Mais“ und „Vollkornreis mit Grünkohl, gegrillter Süßkartoffel und pochierten Eiern“ vor, erntete jedoch nur Hohn. Mit ihrem Warenkorb könne man eine Magersüchtige nach dem Fastenbrechen ernähren, hieß es, aber sicher keine hart arbeitende Familie.

So ist es fast jedes Mal, wenn Paltrow in ihrem wöchentlichen Newsletter durchgibt, wie gutes Leben geht. Dabei sind Paltrows Kochbücher nicht schlecht. Zwar sieht man sie auf den Fotos aus ihrer Küche oft in High Heels herumstehen, die mehr gekostet haben als eine Jahresration Lebensmittelmarken, aber ihre Rezepte sind durchaus familientauglich und wohlschmeckend.

Verrückt an ihren Food-Empfehlungen sind nicht die Kochideen, sondern der missionarische Ton. Seit Prominente auch Lifestyle-Beratung anbieten, gibt es kaum noch Stars, die etwas durch und durch Durchgeknalltes empfehlen. Dafür sorgen schon die von ihnen angeheuerten wissenschaftlichen Berater, wann immer sie ihre Verändere-dein-Leben-Bücher schreiben. Darum ist man dankbar, wenn es eine Prominente ernährungsmäßig noch krachen lässt.

Zitronensaft zum Frühstück

Auf Viktoria Beckham kann man sich da seit jeher verlassen. Die US-Autorin Rebecca Harrington, die sich im Selbstversuch 16 Promi-Diäten angetan hat, erzählt vom Gerücht, Beckham hätte schon mal in einem Restaurant Rucola-Blätter bestellt. Nur so. Ohne Dressing. Auch ihre „Fünf Hände“-Diät ist ein Quell des Vergnügens. Die verlangt, täglich nicht mehr als fünf Handvoll Nahrung zu sich zu nehmen. Sobald ihr das zu langweilig wird, gleicht Frau Beckham mit der Basen-Diät aus, deren oberstes Prinzip „nichts Saures“ lautet. Warum das so sein muss, könnte sie sicher ausführlich erklären, ist aber egal.

In Wahrheit geht es darum, bedachtsam rüberzukommen und eine möglichst aparte Theorie über Ernährungseffekte zu haben. Eine prominente Frau zu sein, bedeutet zu zeigen, zu wie viel mehr Selbstdisziplin man fähig ist als die Frau von der Straße, die es leider nie nach ganz oben schafft, weil es ihr nicht gelingt, auf Gluten, Laktose, rotes Fleisch, Fleisch überhaupt, Industriezucker und so weiter zu verzichten.

Dass spirituelle Sättigung durch körperliche Kasteiung das Ziel ist, merkt man den Ernährungsgeheimnissen weiblicher Stars verlässlich an. Jennifer Aniston verzichtet aufs Frühstück (galt mal als wichtigste Mahlzeit des Tages) und konsumiert stattdessen Zitronensaft. Nicole Kidman nahm für ihre Rolle in „Cold Mountain“, in der sie noch dünner als sonst aussehen musste, die Hartgekochte-Eier-Diät auf sich – eines am Morgen, zwei bis drei zum Dinner. Bei Heidi Klums legendären Postschwangerschafts-Diäten ging es obsessiv darum, das Gelbe vom Ei (böse) vom Eiweiß (gut) zu trennen und wegzuschmeißen. Und Eiweiß-Shakes zu trinken. Die schmecken wie gequollener Staub, haben aber superwenig Kalorien.

Unübertroffen ist die „Luft-Diät“, die Klum 2010 in der französischen „Grazia“ empfohlen und auf die in einer Dolce & Gabbana-Werbekampagne mit Madonna angespielt wurde: Man lädt sich den Teller zwar voll, tut aber bloß so, als würde man von ihm essen, Löffel zum Mund, Kaubewegungen, aber nur mit Luft statt mit echtem Essen. Völlig verrückt und doch ein leuchtendes Vorbild für Selbstdisziplin.

Einst bedeutete Glamour noch Verschwendung – Jackie Kennedy aß, wenn sie abnehmen wollte, täglich eine mit viel Beluga-Kaviar gefüllte Kartoffel. Heute sind Ernährungsdogman, denen sich prominente Frauen unterwerfen, oft nur originelle Varianten massenhafter Essstörungen und fixer Ideen über die Nützlichkeit bestimmter Nahrungsmittel. Megan Fox etwa bildet sich ein, wenn sie vor jeder Mahlzeit Apfelessig zu sich nehme, helfe das ihrem Körper, Zucker und Wasser zu verlieren. Gwyneth Paltrow schwört auf Grünkohl, jenes Zeug, das sich Norddeutsche nach dem ersten Frost zusammen mit so viel Korn reinziehen, dass das Gepupse sie nicht mehr stört.

Schulmedizin ist zu langweilig

Elizabeth Hurley verordnet sich zum Abnehmen Brunnenkressensuppe (sechsmal täglich) und Reese Witherspoon nimmt gerne Babynahrung zu sich. Beyonce hält vor wichtigen Terminen viel auf den „Master Cleanse“ – keine feste Nahrung, stattdessen ein paar Mal täglich Saft aus Wasser, Ahornsirup, Cayennepfeffer und Zitrone. Alles davon soll entgiftend, tiefenreinigend, hormonstimulierend und weiß Gott was noch alles sein. Selbstverständlich findet sich zu jedem Ernährungsspleen ein Guru oder ganzheitlicher Lebensberater, der die feinstofflichen Zellmechanismen vorgeblich besser durchschaut als die Schulmedizin.

Die erzählt ja immer denselben langweiligen Mist: Alles, was es zum Entgiften braucht, sind funktionierende Nieren, einseitige Ernährung führt zu Mangelerscheinungen, und zum Abnehmen reicht es, weniger Energie zu sich zu nehmen, als man durch Bewegung verbraucht. Aber sachliche Aufklärung hat nichts zu melden, wenn das Ego beschließt, dass es ganz toll hilft, wenn man etwa wie ein Steinzeitmensch isst oder glutenfreies Mineralwasser trinkt.