Wettbewerb

Der Zoo der toten Tiere

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Der Berliner Robert Stein ist einer besten Präparatoren. Jetzt will er Europameister werden

Das Gefieder muss noch aufgeplustert werden und ein Augenlid bearbeitet. Der Goldfasan soll balzen, wenn er nach Finnland fährt, oder zumindest so aussehen. Dort, in Oulo, will sich sein Schöpfer, sein zweiter besser gesagt, einen Titel abholen: Robert Stein will Europameister werden für die beste Tierpräparation. Weltmeister ist er 2012 schon geworden. Damals wurde sein kletternder Kea, ein Papagei, als kategorieübergreifend beste Präparation ausgezeichnet. Der Traum jedes Tierpräparators. Für Oulo (11. bis 17. Mai) wird er seinen Wettbewerbsvogel mit zwei anderen Goldfasanen so arrangieren, als befänden sie sich im Balzkampf. Zwei männliche Vögel buhlen um die Gunst eines Weibchens. „Es ist wichtig, bei der Jury einen Wow-Effekt hervorzurufen“, sagt Stein. Die Konkurrenz ist groß. Mit Vögeln treten viele an, und die meisten seien sehr professionell, sagt Stein. Aber auch in anderen Kategorien – zum Beispiel bei den Säugetieren – sei der Wettbewerb hart. Stimmt die Anatomie – befinden sich die Beine an der richtigen Stelle? Ist der Ausdruck der Augen realistisch? Stimmt die Bemalung der Schnäbel und Füße? Passt das Gesamtarrangement zum Tier? Kleinigkeiten entscheiden.

Nicht immer gelang es Robert Stein, so vorbehaltlos mit den Körpern toter Tiere zu arbeiten: Mit 15 Jahren sollte er erstmals einem überfahrenen Eichhörnchen die Haut abziehen. Damals beschäftigte er sich in seiner Naturschutzgruppe mit der Präparation von Tieren. Er konnte es nicht. Der Ekel habe sich aber schnell gelegt, sagt der 34-Jährige, der seit zehn Jahren Tiere für das Berliner Naturkundemuseum präpariert. Am liebsten arbeitet er mit Vögeln: „Säugetiere sind nicht so bunt.“

Eine Tierpräparation ist aufwendig. „Mit Ausstopfen hat meine Arbeit nichts zu tun“, sagt Stein. Er will mit dem Klischee des düsteren Mannes, der im dunklen Keller mit blutverschmierten Händen Tierleichen mit Stroh auffüllt, aufräumen. Seine Werkstatt ist hell und sauber. Die präparierten Vögel, die dort stehen, sehen nicht gruselig, sondern beinahe lebendig aus.

„Ein guter Präparator sieht bei seiner Arbeit möglichst keine Eingeweide und nur sehr wenig Blut“, sagt er. Dennoch ist Robert Stein für den gesamten Arbeitsprozess vom toten Tier bis zum fertigen Präparat selbst verantwortlich: Er misst das Tier aus, damit er es naturgetreu nachbilden kann. Dann zieht er ihm die Haut ab. Bei Vögeln oft unkompliziert, die Körper sehen aus „wie ein Hühnchen aus dem Supermarkt“.

Bei großen Säugetieren wie Giraffen ist es schwieriger. Die Haut eines Giraffenbullen allein wiegt etwa 800 Kilogramm. Um die Häute verarbeiten zu können, müssen sie gegerbt werden. Bei Vögeln oder kleinen Säugern macht Stein das selbst. Große Tierhäute werden in eine Gerberei gebracht und dort ausgedünnt.

Aus den Knochen baut er das Skelett nach. Mit Ton werden die Umrisse des Körpers modelliert – Sehnen, die durch die Haut zu erkennen sind, oder Fettpolsterungen. Aus der Tonnachbildung erstellt Stein einen wesentlich leichteren Abguss aus Kunststoff, dem er dann das Fell überziehen kann. Er setzt Kunstaugen ein, bemalt Schnäbel oder Füße, um ihre natürliche Farbgebung langfristig zu erhalten, zupft Fell und Federn zurecht.

Präparate für die Wissenschaft

„Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen zu uns, um mit unseren Präparaten zu arbeiten“, sagt Stein. Durch Messungen können sie die Verwandtschaftsverhältnisse von Tierarten erforschen. „Heute wird oft die DNA untersucht. Das geht auch noch nach 100 Jahren.“

Tiere für die Präparation erhält das Naturkundemuseum vom Berliner Zoo oder Tierpark, manchmal auch von Förstereien. „Wir haben das Glück, dass die zoologischen Einrichtungen in Berlin als die artenreichsten in ganz Europa gelten“, sagt Stein. Auch Medienstar Knut, der Eisbär aus dem Berliner Zoo, gelangte als Präparat in eine Vitrine des Naturkundemuseums. Nach seinem Tod 2011 wurde er von Robert Stein und einem seiner Kollegen präpariert. Zufrieden ist Stein mit seinem Werk aber nicht: „Von der Seite gefällt er mir ganz gut, von vorne aber nicht. Vielleicht werde ich ihn irgendwann noch mal überarbeiten.“ Erst mal sind aber die Goldfasane dran.