Ausstellung

Lenin und die Zauneidechsen

Der monumentale Kopf eines alten Denkmals soll ausgegraben werden. Das Problem: Im Erdreich wohnt ein ganz besonderes Tier

Jetzt also die Zauneidechse. Manche Tierarten haben es ja geschafft, durch ihre schiere Anwesenheit große Zukunftsprojekte der Infrastruktur infrage zu stellen, die Trappe etwa, auch die Hufeisennase. Jener Lurch aber, in seiner Art gefährdet, schickt sich nun an, die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit zu behindern. Irgendwo im Stadtforst von Köpenick, in der Nähe des Müggelsees, ist ein gewaltiger Kopf im märkischen Sand verbuddelt. Aus Granit, 1,70 Meter hoch. Er gehörte zum einstigen Lenin-Denkmal, insgesamt 19 Meter hoch, das bis 1990 den Leninplatz im Bezirk Friedrichshain beherrschte, von dem man aber damals, nach dem Ende der DDR, sehr schnell nichts mehr wissen wollte. Lenin wurde zerlegt, in rund 110 Teilen nach Köpenick verbracht, dort kurzentschlossen mitten im Wald vergraben und der Platz in Friedrichshain in Platz der Vereinten Nationen umbenannt.

Allein der Kopf blieb als Ganzes erhalten. Vor zwölf Jahren gelangte er einmal zu großer Popularität, im preisgekrönten Kinofilm „Good bye, Lenin!“, in dem er (als Nachbildung) vor den Augen einer schwer irritierten früheren DDR-Bürgerin, die bis 2003 nicht mitbekommen hatte, dass ihr Staat abgewickelt war, an einem Kran aufgehängt durch die Stadt schwebte – zur endgültigen Entsorgung. Viel gelacht hatte man damals. Noch amüsierter wäre man wohl gewesen, hätte jemand behauptet, dass der viele Tonnen schwere Trumm in unseren Tagen wieder ausgebuddelt und anschließend tatsächlich über Berlins Straßen gewuchtet werden soll. Eigentlich wäre es jetzt so weit, wenn – ja wenn nur die Zauneidechse nicht über Lenins kahlem Schädel tanzen würde.

„Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ – unter diesem Titel will die Kulturamtsleiterin von Berlin-Spandau in der dortigen Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert eine Ausstellung präsentieren. Gezeigt werden sollen monumentale Skulpturen, Büsten, Standbilder, einzelne oder ganze Ensembles aus allen möglichen Epochen. Ihnen gemein ist, dass sie irgendwann aus dem Stadtbild verschwanden. Darunter altes preußisches Erinnerungsgut, das nach dem Zweiten Weltkrieg vergraben wurde, und eben auch Lenin.

„Das war ein hartes Stück Arbeit“, sagt Amtsleiterin Andrea Theissen. Als sie mit dem Plan 2009 an die Öffentlichkeit ging, mussten erst die Menschen überzeugt werden, die damals glücklich waren, dass der Lenin verschwand. Als nächstes galt es, den Granitblock überhaupt erst mal zu orten.

Zeitzeugen konnten die Ausstellungsleitung dann aber zum Grabungsort führen, der Kopf ist geortet. Wo genau er liegt, wurde der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. Nur so viel: Genau dort, wo er ruht, wohnt die Zauneidechse, Lacerta agilis, „in der Kopfstärke vielleicht einer großen Echsenfamilie“, meint Theissen. Und mit ihr fingen die eigentlichen Schwierigkeiten an. Das Reptil ist nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht, sie ist auf der Roten Liste Deutschlands auf der Stufe V, „Vorwarnliste“, aufgeführt. Doch das reichte für die Grünen, die Ausgrabungen zunächst überhaupt infrage zu stellen.

Inzwischen sind die grundsätzlichen Bedenken ausgeräumt. Das Bezirksparlament in Köpenick machte auf Antrag der Grünen in einem Beschluss allerdings zur Bedingung, dass die Freilegung des Lenin-Kopfes per Hand erfolgt, bevor der Kran ihn heraushebt, und dass alles nicht vor Oktober beginnt. Bis dahin sollen die Echsen „vergrämt“ werden, nicht einfach vertrieben, sondern gezielt und durchaus mit sanfter Gewalt zum Umzug bewegt.

Unterschlupf für die Echsen

Artenschutzexperten werden also auf Kosten des Bezirks Spandau einen in Echsenhöhe eingefriedeten Korridor einrichten, der von der künftigen Grabungsstelle zu einem geeigneten Ausweichquartier führt. Anschließend werden sie beginnen, alle nur erdenklichen Unterschlüpfe für die Eidechsen einzuebnen, um sie zum freiwilligen Abzug zu bewegen. Nur in Einzelfällen wird man durch Fang nachhelfen. Hierbei wäre die Gefahr von Tötungen zu groß, heißt es in den einschlägigen Richtlinien für derartige Aktionen. Ginge es nach Theissen, würde man viel früher anfangen. Ihre Ausstellung soll im September beginnen, und ungern würde sie auf den Lenin verzichten.