Justiz

Die Gefangene, der man ins Essen spuckte

Debra Milke saß 23 Jahre lang unschuldig in der Todeszelle. Nun hat sich die Berlinerin erstmals an die Öffentlichkeit gewandt

Es war die Trostlosigkeit im Triumph, die ganz am Ende ihrer Pressekonferenz aus Debra Milke sprach. „Mein Sohn ist nicht mehr, meine Mutter ist nicht mehr, und jetzt?“, fragte die Berlinerin, die 1989 ins Gefängnis gekommen war wegen des angeblichen Mordes an ihrem damals vierjährigen Kind, und am Montag endgültig auf freien Fuß gesetzt wurde. Und jetzt? Debra Milke, damals noch blonde 25 Jahre alt und inzwischen weißhaarige 51, saß mehr als 23 Jahre lang in der Todeszelle. Nicht aus Mangel an Beweisen oder wegen eines Verfahrensfehlers wurde sie freigelassen, sondern weil sie schlicht und einfach unschuldig war und nie hätte verurteilt werden dürfen.

„Ich habe absolut nichts zu tun mit dem brutalen Mord an meinem Sohn Christopher und ich habe nie ein Geständnis abgelegt“, versichert die soeben endgültig rehabilitierte Frau gleich zu Beginn ihres Statements bei einer Pressekonferenz am Dienstag (Ortszeit) in Phoenix. Sie sitzt, gekleidet in eine blau-weiß gemusterte Bluse und eine blaue Strickjacke, neben ihren Anwälten Lori Voepel und Mike Kimerer und scheint immer noch zu glauben, sie müsse sich verteidigen.

Es gibt viele Menschen, die unschuldig im Gefängnis sind. Milke ist die 151. Person, die in den USA zum Tode verurteilt und später freigesprochen wurde. Aber Milke dürfte die einzige Mutter sein, die ihr kleines Kind verlor und, anstatt dafür betrauert zu werden, von Richtern des Mordes schuldig gesprochen wurde. Sie war „das Monster“, die zwei Männer angestiftet habe, den vierjährigen Christopher zu erschießen, um 5000 Dollar aus einer Lebensversicherung zu kassieren.

Noch einmal: Eine Frau verliert nicht nur ihr kleines Kind durch eine grausame Gewalttat, sondern zugleich die Freiheit, jedes gesellschaftliche Ansehen und um ein Haar auch ihr Leben. Niemand steht in der Hackordnung der Gefangenen unter verurteilten Kindermördern. Die Wärter spuckten in Milkes Essen, erzählte ihre Mutter Renate Janka einmal dem „Spiegel“.

„Eine verheerende Tragödie“

In Steglitz wurde Debra Jean im März 1965 als Tochter eines amerikanischen Luftwaffensoldaten und einer Deutschen geboren. Als das Mädchen ein Jahr alt war, zog die Familie in die USA um. Nach Stationen in Florida und Virginia landeten sie in Arizona. Die Eltern ließen sich scheiden, aber „Debbie“ schien ihren Weg zu machen. High School, College, ein Bürojob bei einer Versicherungsagentur. Als die Mutter wegen einer beruflichen Chance zurück nach Deutschland ging, bleibt die 19-Jährige in Phoenix. Debra lernt Mark Milke kennen, einen vorbestraften Ex-Junkie und Alkoholiker. Heirat 1984, Geburt von Christopher 1985, Scheidung 1988. Mark war in dieser Zeit mehrfach im Gefängnis, darum bekommt Debra das alleinige Sorgerecht für Christopher. Im November 1989 zieht sie mit ihrem Kind als Untermieterin bei Jim Styers ein, einem Bekannten ihrer Schwester. Dann der 2. Dezember. Styers will den kleinen Christopher mitnehmen in ein nahes Einkaufszentrum, wo Santa Claus für Fotos mit Kindern posierte. Sein Kumpel Roger Scott begleitete die beiden, ein Alkoholiker mit Anzeichen von Schizophrenie. Stunden später alarmieren die Männer den Sicherheitsdienst. Styers habe Christopher beim Gang auf die Toilette in der Shopping Mall vor der Tür warten lassen, und als er zurückkam, sei der Kleine verschwunden gewesen. Die Polizei beginnt die Suche. Aber ihr ehrgeiziger Ermittler Armando Saldate misstraut der Geschichte. Nach 14-stündigem Verhör gibt Scott auf. Er führt die Polizisten zur Leiche des Kleinen an der Happy Valley Road, knapp zehn Meilen nördlich von Phoenix. Christopher hat drei Einschusslöcher im Hinterkopf. Scott und Styers beschuldigen sich gegenseitig der Tat. Einmal sagt Scott, Milke habe sie zum Mord angestiftet. Später nimmt er den Vorwurf zurück. Styers wirft Milke nie eine Tatbeteiligung vor. Nicht einmal in dem Prozess, in dem beide Männer später – so wie Milke – zum Tode verurteilt werden, nehmen sie die junge Frau in die Mitverantwortung.

Milke beteuerte stets ihre Unschuld. Ein Bundesberufungsgericht kippt im März 2013 schließlich das umstrittene Todesurteil. Im darauffolgenden September darf Milke das Gefängnis gegen Kaution verlassen. Die Staatsanwaltschaft von Arizona klagt sie aber zum zweiten Mal an und erklärt, erneut die Todesstrafe zu fordern. Allerdings will Saldate nicht noch einmal in den Zeugenstand treten, weil er befürchtet, sich mit einer Aussage selbst zu belasten.

Vergangenen Dezember hebt ein Berufungsgericht in Arizona die Anklage wieder auf, weil laut US-Recht niemand für dasselbe Verbrechen zwei Mal vor Gericht gestellt werden dürfe. Der Oberste Gerichtshof von Arizona lehnt es vergangene Woche ab, sich mit einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung des Berufungsgerichts zu befassen. Daraufhin stellt das Bezirksgericht von Maricopa County bei Phoenix am Montag das Verfahren gegen Milke endgültig ein.

„Ich habe bei Herrn Saldate kein Geständnis abgelegt“, bekräftigte Milke in der Pressekonferenz. Ein Kind durch einen Mord zu verlieren sei „eine verheerende Tragödie mit einem unbeschreiblichen Schmerz“. Noch schlimmer sei aber, fälschlich beschuldigt zu werden, am Tod des eigenen Kindes beteiligt gewesen zu sein. „Mein kleiner Sohn Christopher bedeutete alles für mich“, sagte sie. „Ich vermisse ihn schrecklich und ich denke jeden Tag an ihn.“