Justiz

Debra Milke darf auf Freiheit hoffen

Nach fast 23 Jahren in der US-Todeszelle wird das Mordverfahren gegen die gebürtige Berlinerin endgültig eingestellt

Die in Berlin geborene ehemalige US-Todeskandidatin Debra Milke kommt nach Angaben ihrer Anwälte Lori Voepel und Michael Kimerer endgültig frei. Der Oberste Gerichtshof von Arizona lehnte am Dienstag (Ortszeit) eine weitere Anhörung zu ihrem Fall ab. Damit darf der 51-Jährigen kein erneuter Prozess wegen der Ermordung ihres Sohnes gemacht werden. Milke sei „erleichtert, dass in ihrem Fall endlich Gerechtigkeit hergestellt wurde und sie Recht bekommen hat“, hieß es in der Erklärung der Anwälte. Voepel und Kimerer dankten den Gerichten, „diesem schrecklichen Justizirrtum endlich ein Ende gesetzt zu haben“.

Die Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners war 1990 zum Tode verurteilt worden, weil sie 1989 zwei Bekannte angestiftet haben soll, ihren damals vierjährigen Sohn Christopher zu töten. Statt zum versprochenen Besuch beim Weihnachtsmann in einem Einkaufszentrum fuhren Roger Scott und Jim Styers mit dem Jungen zu einem trockenen Flusslauf in der Wüste und streckten ihn mit drei Schüssen in den Hinterkopf nieder. Nach seiner Verhaftung behauptete Scott, Milke habe ihn und Styers mit dem Mord beauftragt, um an die Lebensversicherung in Höhe von 5000 US-Dollar zu kommen. Die beiden Männer wurden ebenfalls zum Tode verurteilt. Milke beteuerte stets ihre Unschuld.

Nie ein Geständnis unterschrieben

Das Urteil stützte sich vor allem auf die Aussage des leitenden Ermittlers Armando Saldate, dem Milke ihre Beteiligung an dem Verbrechen angeblich gestanden hatte. Sie habe ihre Tat damit begründet, dass der Sohn nicht werden solle wie sein Vater. Allerdings wurde Milke nicht über ihre Rechte aufgeklärt und ein Geständnis von ihr nie unterschrieben; es gab kein Protokoll des Verhörs, keinen Zeugen und keine Video- oder Tonaufnahme. Am 12. Oktober 1990 wurde Milke wegen Mordes, Verschwörung zum Mord, Kindesmissbrauch und Entführung schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Die damaligen Geschworenen erfuhren dabei jedoch nicht, dass sich Saldate in der Vergangenheit bereits mehrere Verfehlungen geleistet hatte – darunter die Missachtung der Rechte Verdächtiger sowie Falschaussage unter Eid.

In den folgenden Jahren wurden immer mehr Zweifel an ihrer Schuld laut. So wurde beim Mittäter Roger Scott Schizophrenie festgestellt. Auch Armando Saldates Verhörmethoden kamen ans Licht und ließen Zweifel an Milkes Geständnis aufkommen.

Der Termin für die Exekution war für Januar 1998 festgelegt, sie konnte zwischen dem elektrischen Stuhl und einer tödlichen Injektion wählen. Ihre Anwälte konnten die Hinrichtung gerade noch verhindern.

Ein Bundesberufungsgericht kippte im März 2013 schließlich das umstrittene Todesurteil. Im darauf folgenden September durfte Milke das Gefängnis gegen umgerechnet 235.000 Euro Kaution verlassen, unterliegt aber einer nächtlichen Ausgangssperre und darf keinen Alkohol trinken, bis das Verfahren endgültig beendet ist.

Die Staatsanwaltschaft von Arizona klagte die gebürtige Berlinerin aber zum zweiten Mal an und erklärte, erneut die Todesstrafe fordern zu wollen. Allerdings wollte Saldate nicht noch einmal in den Zeugenstand treten, weil er befürchtete, sich mit einer Aussage selbst zu belasten.

Vergangenen Dezember hob ein Berufungsgericht in Arizona die Anklage wieder auf, weil laut US-Recht niemand für dasselbe Verbrechen zweimal vor Gericht gestellt werden dürfe. Der Oberste Gerichtshof von Arizona lehnte es am Dienstag schließlich ab, sich mit einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die Entscheidung des Berufungsgerichts zu befassen.

Der Fall werde damit an das zuständige Bezirksgericht bei Phoenix zur Verfahrenseinstellung zurückgeschickt, erklärten Voepel und Kimerer. Medienberichten zufolge reichten die Anwälte im Namen von Milke vor einem Bundesgericht Zivilklage wegen Bürgerrechtsverletzungen gegen die Stadt Phoenix, die dortige Polizei und einzelne Ermittler ein.

Staatsanwalt Bill Montgomery sprach derweil von einem „dunklen Tag“ für das Justizwesen in Arizona. Der Oberste Gerichtshof des US-Bundesstaates habe „Opfer von Straftaten, insbesondere Christopher Milke, ihrer Rechte auf Fairness, ein rechtsstaatliches Verfahren und Gerechtigkeit beraubt“, erklärte er laut der Zeitung „The Arizona Republic“. Milkes Anhänger hingegen bejubelten die Entscheidung in sozialen Medien. Ihre Verteidiger reichten unterdessen eine Schadensersatzklage gegen den Staat und die Polizei wegen ihrer ungerechtfertigten Inhaftierung ein.