Adel

Die Suche nach der Prinzenrolle

Harry beendet seine Militärkarriere. Doch was danach kommen soll, weiß er selbst nicht

Camp Delhi in der südafghanischen Provinz Helmand war kein Ort, an dem man lange bleiben wollte. Sandstürme peitschen über das flache Land, im Sommer steigen die Temperaturen auf weit über 40 Grad, in den Wintermonaten geht es nachts unter Null. Die Soldaten der Nato-Mission Isaf, bis Ende 2014 dort stationiert, schliefen in Lehmhütten, die Duschen waren in einem Zeltbau untergebracht, als Toiletten dienten Dixie-Klos. Ein Kreuz mit einer Namenstafel gegenüber dem Kraftraum erinnerte an alle britischen Soldaten von Camp Delhi, die im Kampf gegen die aufständischen Taliban gefallen waren.

Als Prinz Harry dort 2008 seinen Dienst tat, waren es bereits zehn. Trotzdem war die Zeit in Camp Delhi für den heute 30-Jährigen die beste Zeit seines Lebens. Am Dienstag verkündete der Vierte der Thronfolge, dass er die Militärlaufbahn endgültig hinter sich lasse – und wie schwer ihm das falle. „Nach einem Jahrzehnt im Militärdienst ist es eine harte Entscheidung, die Armee zu verlassen. Ich fühle mich unglaublich glücklich, dass ich die Chance hatte, einige sehr herausfordernde Jobs zu machen und dabei so viele fantastische Leute kennenzulernen.“

Taliban getötet

Zweimal war Harry in Afghanistan eingesetzt, 2012 im Range eines Captain des Gardekavallerieregiments „Blues and Royals“. Bei seinem letzten Einsatz diente der Prinz als Kopilot eines Apache-Helikopters – und als sogenannter gunner. Das ist der Soldat, der das Maschinengewehr bedient, wird der Hubschrauber angegriffen. Er habe auch Taliban getötet, gab er nach Ende seines Einsatzes zu. Und gab preis, warum die Armee so viel für ihn bedeutet. Mit ‚Captain Wales‘ angesprochen zu werden, das sei ihm viel lieber als mit seinem königlichen Titel. „Mein Vater versucht mich ständig daran zu erinnern, wer ich bin und all dieses Zeug. Aber es ist so einfach zu vergessen, wer ich bin, wenn ich in der Armee bin. Jeder trägt dieselbe Uniform und macht dasselbe. Ich komme mit meinen Kumpels gut klar und habe Spaß. So einfach ist das“, sagte er seinerzeit.

Generalstabschef Nicholas Carter lobte vor allem die Professionalität und Fähigkeiten des scheidenden „Captain Wales“, wie der Prinz in der Armee genannt wurde. Er sei immer an „vorderster Front“ gewesen und habe stets darauf bestanden, genauso behandelt zu werden wie seine Kameraden.

Drei Jahre später nun will er die Armee ganz hinter sich lassen. „Die meisten schönen Dingen gehen unvermeidbar zu Ende, und ich bin in meiner Militärlaufbahn an einem Scheideweg angekommen“, lässt der Prinz verlauten. Vertraute sagten dem „Telegraph“, dass die Fortsetzung seiner Militärkarriere Schreibtischjobs erfordert hätte – ein Albtraum für Harry. Doch in seinem nicht mehr ganz jungen Leben steht Harry nun nicht nur beruflich an einer Kreuzung. Wird er künftig mehr königliche Pflichten übernehmen und seinen Vater Charles und Bruder William unterstützen? Die britische Öffentlichkeit würde das sicher begrüßen, schneidet Harry in den jüngsten Umfragen als der beliebteste Royal ab – noch vor Queen Elizabeth II.

Und was ist mit seinem Privatleben? Ist es nicht langsam Zeit, William und Schwägerin Kate in Sachen Familiengründung nachzustreben? Doch seit er sich im vergangenen Jahr nach zweijähriger Beziehung von Cressida Bonas getrennt hat, gab es kein einziges Paparazzo-Foto mehr, das auf eine neue Frau hindeutete. Zum Privatleben des Prinzen gibt es gerade ausnahmsweise wenig Gerüchte, seit „Harry Potter“-Star Emma Watson, 24, ein angebliches Techtelmechtel dementiert hat. Aus der Not heraus wärmt die britische Klatschpresse derzeit die Beziehung zu Bonas’ Vorgängerin Chelsy Davy auf.

Die einzige Wahrheit ist, dass sich Harry seit seinem 30. Geburtstag im vergangenen September ein neues Image zu geben versucht – oder von Clarence House, dem Amtssitz seines Vaters, verschrieben bekommen hat. Statt auf Partys sah man ihn als Cheforganisator der Invictus Games, einer Art Olympischer Spiele für verletzte Militärangehörige, die vergangenen Herbst in London stattfand. Mit riesigem Erfolg, den Teilnehmer wie Publikum in erster Linie Harrys Engagement zuschrieben.

Als Prinz Harry acht Jahre alt war, hatte man ihm einen kleinen Kampfanzug samt Helm angezogen und ihn in einen Panzer gesetzt. Der Junge strahlte. Seine Mutter Diana war damals dabei auf der britischen Militärbasis in Hannover, es war 1993, die erste offizielle Auslandsreise des kleinen Prinzen. Lady Di glaubte, ihr Sohn werde Karriere in der Armee machen.

Wohltätiges Erbe seiner Mutter

In seiner Leidenschaft für wohltätige Zwecke sehen viele ein Erbe seiner 1997 bei einem Autounfall getöteten Mutter Diana. Nachdem er 2003 an der Eliteschule Eton seinen Abschluss gemacht hatte, nahm er ein Jahr Auszeit, bevor er in Sandhurst seine Militärausbildung antrat. Er reiste um die Welt und kam mit der Idee für seine erste gemeinnützige Stiftung zurück. 2007 gründete Harry die Organisation Sentebale, die in Lesotho Aids-Waisen unterstützt, gemeinsam mit dem von dort stammenden Prinzen Seeiso. „Auf diesem Weg können wir unserer Mütter gedenken, die beide mit verletzbaren Kindern und HIV-Kranken arbeiteten“, erklärte Harry sein Engagement. „Ich fühle, dass ich dadurch in den Fußstapfen meiner Mutter treten und ihr Erbe lebendig halten kann.“

In den kommenden Monaten plant Harry, wieder nach Afrika zu reisen. „Er wird lokale Gemeinden in der Subsahara dabei begleiten, wie sie ihre natürlichen Ressourcen und Tierwelt schützen und bewahren“, teilte Kensington Palace mit. Vorher stattet Harry der australischen Armee einen mehrwöchigen Besuch ab, und auch danach bleibt er dem Militär weiter treu. Er wolle Militärpsychologen begleiten, die körperlich und mental versehrte Soldaten betreuen, hieß es seitens des Palastes. Und weitere Invictus Games auf die Beine stellen. „Ich will sicherstellen, dass die nächsten paar Invictus Games so fantastisch werden wie die letzten“, sagt Harry selbst.

„Glücklicherweise trage ich weiter Uniform und werde bis zum Ende meines Lebens Zeit mit meinen Kameraden verbringen.“ Er schließe jetzt ein Kapitel und freue sich auf das nächste. Wie dieses aussieht, das weiß der Prinz offensichtlich selbst noch nicht so genau.