Basislager

Die höchste Toilette der Welt

Am Mount Everest beginnt die Saison. Erstes Aufregerthema: Verdauungsvorgänge

Es gibt Dinge, die sind unabwendbar, dazu gehört der jährlich im Frühjahr wiederkehrende Rummel am Mount Everest. Anfang März hat die Saison damit begonnen, dass Sherpas das Basislager auf 5500 Metern Höhe einrichten, also Material transportieren, Zelte, Küchen und Internetverbindungen einrichten. Und Toilettenzelte, denn zu den selbst in höchsten Höhen unabwendbaren Dingen gehören die Verdauungsvorgänge beim Menschen. Genau darauf zielt der erste Everest-Aufreger der Saison, ein heikles Thema. Es gibt zu viel Kot auf dem höchsten Berg der Welt, sagt Ang Tshering, weltweit geachteter Sherpa und Präsident der Nepal Mountaineering Association. Fäkalien und Urin verunreinigten die Erde und könnten die Verbreitung von Krankheiten verursachen.

Ang Tshering fordert, dass die nepalesische Regierung und die Bergsteiger sich stärker mit dem Problem befassen und all ihre Hinterlassenschaften komplett mitnehmen. Über Jahre habe sich der Dreck angesammelt, nicht nur im Basislager, auch in den höher gelegenen Lagern. „Die Bergsteiger schaufeln üblicherweise ein Loch in den Schnee für ihre Bedürfnisse und lassen alles zurück“, sagt er.

Dawa Steven Sherpa, der sich seit Langem für den sauberen Berg engagiert, äußert sich ähnlich: „Das ist eine Gefahr für die Gesundheit und muss angesprochen werden.“ Den Einheimischen gilt der Everest als heiliger Ort und unbefleckte Natur. Aber er ist zugleich ein Wirtschaftsort höchster Güte für das arme Land. In den vergangenen Jahren wurden regelmäßig Debatten über den Müll am Everest geführt, Zeltreste, Sauerstoffflaschen, Gaskartuschen, Dosen, die in unzureichendem Maße abtransportiert wurden oder ganz am Berg verblieben. „Höchste Müllkippe der Welt“ lauteten Schlagzeilen. Nun „höchste Kloake der Welt“?

Toilettenzelt mit Tonnen

Im Basislager sind zwischen 600 und 800 Menschen tätig, Kernzeit ist Anfang April bis Anfang Juni. Danach kommt der Monsun in Nepal auf. Die meiste Zeit verbringt die Mehrzahl der rund 400 Bergsteiger-Kunden im Basislager und akklimatisiert sich über Wochen an die große Höhe. Immer wieder geht es auf 6500 und 7500 Meter und dann wieder zurück. Das Leben im Camp ist trotz Annehmlichkeiten aufs Nötigste reduziert. Die Veranstalter haben im Basislager Toilettenzelte mit in die Erde eingegrabenen Tonnen stehen. Die werden später verschlossen und mithilfe von Yaks abtransportiert, meistens gar nicht so weit weg, nach Gorak Shep etwa, ein Dorf auf dem Weg zum Lager auf 5200 Meter Höhe. Dort sollen die Exkremente ordentlich beseitigt werden, was aber auch bedeutet, dass das Zeug irgendwo an der Luft verrottet.

Ähnlich geschieht es mit manchen Resten aus den Hochlagern. Der Deutsche Paul Thelen, der 2012 bei einer Müllentfernungsexpedition am Everest dabei war, erzählt von sogenannten Clean Mountain Cans, die ökologisch bewusste Bergunternehmen einsetzen. „Da können sie nicht in die Walachei gehen“, sagt Thelen. Die eimerartigen Gefäße mit Innenbeuteln und gut verschließbaren Deckeln sind Minitoiletten. Alle paar Tage werden die Beutel ausgetauscht, gesammelt und später in Nylonsäcken nach unten gebracht. Bei Temperaturen mindestens 20 Grad unter Null sind alle Überreste gefroren.

Je höher die Bergsteiger kommen, umso weniger Verunreinigung durch Exkremente gibt es. Nicht nur, weil wenige Leute es tatsächlich bis auf 8000 Meter und den Gipfel auf 8848 Meter schaffen, sondern weil in der „Todeszone“ über 7500 Meter, wenn der Körper unweigerlich ausgezehrt wird, die Darmtätigkeit nahezu oder ganz zum Erliegen kommt.

Neue Regeln für Bergsteiger

Der Aufwand, Müll und Fäkalien nach unten mitzunehmen, ist immens; nicht alle Expeditionen betreiben das so. Die meisten Menschen erreichen am Everest ihr Limit oder gehen darüber hinaus, die Kraftreserven sind gering. Und der Weg ist gefährlich, besonders die auf dem Rückweg letzte Etappe durch den Khumbu-Eisfall, wo Spalten und Eisblöcke zu überwinden sind. Nahezu alle Bergsteiger haben ein großes Umweltbewusstsein. Aber wer schleppt in dieser Ausnahmesituation noch Kotbeutel?

Die Experten sagen, die Müllsituation am Everest bessert sich seit etwa zehn Jahren. Die Regierung hat zuletzt neue Regeln verkündet. Nur wer genug Müll mitnimmt, bekommt seine Kaution zurück. Acht Kilogramm je Teilnehmer sind das Mindeste. Kontrollen soll es geben. Ob das Kosmetik ist oder die Umweltsorgen tatsächlich mildert, ist offen. Ebenso wie die Frage, was in den unteren Regionen tatsächlich mit dem Müll geschieht. Das Umweltbewusstsein jenseits der Touristen-Hotspots ist gering.