Ornithologie

Szenen wie bei Hitchcock

Krähen, Amsel, Möwen: Was ist bloß mit den Vögeln los?

Eine Frau joggt durch den Wald, als sie plötzlich von einem Greifvogel angegriffen wird. Das Tier fliegt von hinten an die Sportlerin heran und setzt mehrmals seine Klauen auf ihren Kopf. Rund 200 Meter lang verfolgt der Vogel die Frau, dann lässt er von ihr ab. Von solchen Fällen hört man immer mal wieder. Werden die Vögel etwa aggressiver?

Nein, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee, Martin Wikelski. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Aggressivität bei Vögeln zugenommen hat.“ Allerdings könne es in Brutzeiten vorkommen, dass die Tiere ihre Nester verteidigen wollten. Der Schaden für den Einzelnen sei aber überschaubar: „Wenn ein Star oder eine Amsel mal einen Jogger anfliegt oder ihn irgendwo hinpickt, kann man davon ausgehen, dass nichts Schlimmes passiert.“ In anderen Gegenden der Welt könnten solche Vorfälle auch schwerwiegender sein – beispielsweise bei den Küstenseeschwalben in Island. „ Die picken so stark auf den Kopf, dass es richtig wehtut und auch bluten kann.“

Aggression oder Verteidigung?

Aber kann es bei Tieren grundsätzlich eine Aggressivität gegenüber dem Menschen geben? Auch das verneint Wikelski. „So etwas ist eigentlich immer eine Verteidigung.“ Am Bodensee sei einmal ein älterer Mann beim Rückenschwimmen gegen einen Schwan gestoßen. Dieser habe sich bedroht gefühlt und mit seinen Flügeln geschlagen – dabei erwischte er den Schwimmer so heftig am Kopf, dass der Mann bewusstlos wurde und ertrank. „Klar kann man das in der Situation auch als Aggression werten – aber es ist ein Raushalten aus dem engsten Umkreis, um seine eigene Sicherheit zu gewährleisten“, sagt Wikelski. Ähnlich argumentiert Thomas Giesinger vom BUND Baden-Württemberg: „Ein Vogel hat keinen Grund, einen Menschen anzufallen. Da wird vorausgesetzt, es gebe Vögel, die eine Grundaggressivität gegen den Menschen haben – diese gibt es aber nicht.“ Auch dass die Zahl der Angriffe zunehme, lasse sich nicht belegen. „Ich glaube, dass vieles übertrieben oder erfunden ist“, sagt Giesinger. „Ich erinnere mich an eine Szene, da fuhr jemand Fahrrad und eine Möwe hat ihm ein Hörnchen aus der Hand genommen. Das kann man natürlich schon als Angriff werten.“ Zwar finde man auch Ausnahmen, die die Regel bestätigten: Aber deren Zahl sei viel geringer als angenommen. Die Vögel kämen in ihrem Lebensraum inzwischen häufiger mit Menschen in Berührung als noch vor 20, 30 Jahren, sagt Wikelski. „Da gibt es natürlich mehr Interaktionen und ein bisschen mehr Konflikte.“ Allerdings sei das auch ein positives Zeichen.

Studien am Max-Planck-Institut für Ornithologie hätten zudem gezeigt, dass beispielsweise Amseln in Städten stressresistenter geworden sind. „Das kann man natürlich auch als Aggressivität interpretieren“, sagt Wikelski. „Wenn sie von vorbeigehenden Menschen nicht gestresst sind, schaut es so aus, als wenn der Vogel aggressiver ist: Der sitzt ja immer noch da, der schaut mich so böse an, könnte ja sein, dass der mich gleich anpickt.“