Polizei-Gewalt

„Diese verdammte Stadt“

Ferguson kommt nicht zur Ruhe. Zwei Polizisten werden bei Protesten angeschossen

Schon wieder ist die US-Kleinstadt Ferguson Tatort. Im August 2014 war hier der 18-jährige unbewaffnete Afroamerikaner Michael Brown von einem Polizisten erschossen worden. Danach gab es Krawalle und immer wieder Demonstrationen. Am Mittwoch trat der Polizeichef zurück, nur Stunden später fielen in der Nacht zum Donnerstag Schüsse auf zwei seiner Beamten. Geschossen haben zwei Unbekannte aus einem Zug von Demonstranten heraus, die Menge gab ihnen Schutz.

Die beiden getroffenen Polizisten sollen bei Bewusstsein, aber „sehr ernsthaft“ verletzt sein, sagte am Donnerstagmorgen Jon Belmar, der Polizeichef des Kreises St. Louis County. Ein 32-jähriger Beamter wurde im Gesicht getroffen, ein 41-jähriger an der Schulter. Auf Amateurvideos von Augenzeugen sind deutlich drei bis fünf Schüsse zu hören. Menschen schrien in Panik und versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Es gebe bislang keine Beschreibung des oder der Täter, sagte Belmar. Man gehe aber davon aus, dass die getroffenen Polizisten gezielt ins Visier genommen und nicht durch verirrte Kugeln getroffen wurden.

Als am Mittwoch Polizeichef Thomas Jackson seinen Rücktritt ankündigte, gab er keinen Grund an, reagierte aber erkennbar auf einen vergangene Woche veröffentlichten Bericht des Justizministeriums in Washington. Darin heißt es, die von Jackson geleitete Polizeibehörde sei rassistisch voreingenommen und habe in der Vergangenheit unverhältnismäßige Gewaltbereitschaft insbesondere gegenüber Afroamerikanern gezeigt. Unter den 53 Beamten der Polizeieinheit in Ferguson gibt es nur drei Afroamerikaner.

Polizeichef zurückgetreten

Schwarze Bürger seien zudem gezielt überprüft worden, um durch die Ahndung von Verkehrsverstößen die Kasse von Ferguson aufzubessern. 85 Prozent aller Autofahrer, die bei Verkehrskontrollen gestoppt worden waren, sind schwarz – dabei liegt der Anteil der Afroamerikaner nur bei 67 Prozent.

Polizeichef Jackson hatte trotz des Berichtes einen Rücktritt zunächst ausgeschlossen. Am Mittwoch aber wurde der Druck zu groß, nachdem die Empörung über so viel Halsstarrigkeit sich in der nationalen und internationalen Presse entlud.

Mutmaßlich handelten seine Anwälte zunächst die Konditionen seines zum 19. März wirksamen Rücktritts aus. Jackson, der die Polizeidienststelle seit fünf Jahren leitete, bekommt ein Übergangsgeld von rund 97.000 Dollar und ist bis Ende des Jahres krankenversichert. Zuvor hatten bereits zwei seiner Beamten, die als Verfasser rassistischer E-Mails identifiziert worden waren, den Dienst gekündigt. Auch eine führende Mitarbeiterin der Stadtverwaltung und ein Richter nahmen den Hut, beide sollen in die unlautere Eintreibung von Strafgebühren verwickelt gewesen sein.

Seit den tödlichen Schüssen auf Brown kommt es in Ferguson regelmäßig zu Demonstrationen und zu Aktionen brutaler Gewalt. Der Polizist Darren Wilson, der den unbewaffneten Brown angeblich in Notwehr erschossen hatte, war im November nach Auswertung seiner Aussage und widersprüchlicher Zeugenbeobachtungen von persönlichen Verfehlungen freigesprochen worden. Auch eine unabhängige Untersuchung des Bundesjustizministeriums hatte keine Beweise dafür gefunden, dass der Beamte Bürgerrechte verletzte. Der inzwischen aus dem Dienst geschiedene Polizist muss sich daher nicht vor Gericht verantworten.

Diskussionen über Willkür

Weil einige Zeugen aber versichert haben, Brown habe Wilson vor den tödlichen Schüssen keineswegs angegriffen, sondern sei mit erhobenen Händen und dem Ruf „Don’t shoot“ (nicht schießen) auf ihn zugegangen, gilt der Vorfall den Demonstranten in dem zu zwei Dritteln schwarzen Ferguson und weit darüber hinaus als Beleg polizeilicher Willkür. Allerdings zeigen Umfragen Wahrnehmungsunterschiede entlang ethnischer Linien. Während laut dem Pew-Institut kurz nach dem Tod von Brown 80 Prozent der Schwarzen in den USA sagten, der Fall werfe wichtige Fragen des Rassismus auf, sahen dies nur 37 Prozent der Weißen so.

In Ferguson ist kaum mit baldiger Ruhe zu rechnen. Michaels Stiefvater rief vor Fernsehkameras im November Demonstranten dazu auf, „diese verdammte Stadt niederzubrennen“. Dafür entschuldigte er sich. Aber mit den Schüssen auf Polizisten hat die Eskalation einen neuen Höhepunkt erreicht.