Schönheitsbluff

Glatt gelogen

25 Jahre Photoshop: Bilder von Prominenten werden gern nachträglich aufgehübscht. Doch es formiert sich Widerstand

Du sollst dir kein Bildnis machen, weder von Hintern noch von Schenkeln oder Nasolabialfalten, denn es ist sowieso immer falsch. Sobald Brüste retuschiert werden, sind sie eine Verhöhnung der Schwerkraft. Falls Brüste gezeigt werden, wie sie sind, werden sie zu einer Steilvorlage für Mobbing im Internet: Hast du gesehen, wie das hängt, geht gar nicht!

Neulich tauchten Fotos von Beyoncé auf, auf denen sie Pickel hat, und irgendeine Whistleblowerin twitterte ein Foto von einem Shooting mit Cindy Crawford in Unterwäsche, auf dem sie überhaupt nicht so aussah wie ein Supermodel, sondern wie eine sehr normale 49-Jährige mit einem sehr normalen Faltenlabyrinth auf dem Bauch, der immerhin schon zwei Kinder beherbergt hat.

Sofort ging es wieder los mit dem Kulturkampf: Wie ermutigend es doch ist, dass auch Superfrauen keine glatten Oberflächen haben, und wie entmutigend, dass nur durch Sabotage, Paparazzi oder Widerstandsakte die Welt zu sehen bekommt, wie sehr die Natur sich auch an übernatürlich schönen Menschen zu schaffen macht. Debatten dieser Art brechen in letzter Zeit bemerkenswert häufig aus. Im November hatte der Fotograf Juergen Teller das holländische A-Listen-Model Lara Stone fotografiert, ohne zu verbergen, dass sie ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes am Bauch nicht mehr ganz so glatt ist. Und Keira Knightley lässt keine Gelegenheit aus, gegen Eingriffe zu wettern: „Ich habe kein Problem damit, oben ohne zu posieren, solange ihr meine Brüste nicht größer macht oder sie bearbeitet.“

Längst formiert sich eine vielfältige Gegenbewegung zur Aufhübscherei durch Bildbearbeiter. Nicht nur Feministinnen und Psychologen warnen vor dem falschen Körperbild, mit dem Photoshop Frauengehirne infiziert. Schuld an all diesen Protesten – bei denen es um so tiefe Fragen wie den ethisch richtigen Umgang mit Natur oder die manipulative Macht von Propaganda – ist Photoshop, eine amerikanische Bildbearbeitungssoftware, die dieser Tage ihr 25. Jubiläum feiert. Sie ermöglicht es auch Amateuren, mit Muttermalen, Celludellen und Oberarmwinkfleisch so umstandslos fertig zu werden wie einst stalinistische Zensoren mit Trotzki-Erscheinungen: einfach wegmachen.

Was allerdings im Unterschied zu solchen Geschichtsfälschungen so verwerflich daran sein soll, Falten zu glätten, Tränensäcke zu schrumpfen oder Bindegewebe gerechter zu verteilen, kann einem niemand wirklich erklären. Es lassen sich ja auch keine überzeugenden Argumente gegen Make-up, Push-ups, Stützstrumpfhosen oder Rouge vorbringen. Und wenn Photoshop nie erfunden worden wäre, hätte Cindy Crawford eben für eine Bauchdeckenstraffung zum Chirurgen gemusst oder statt für Mode für Verdauungskapseln antreten müssen.

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