Zwischenbericht

Verschollen seit 365 Tagen

Noch immer fehlt von Flug MH370 jede Spur. Malaysia will bis Ende Mai weitersuchen

Die neuesten Erkenntnisse zum Verschwinden von Malaysia-Airlines-Flug MH370 werden an diesem Sonntag in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur veröffentlicht. Ursprünglich hatte das Transportministerium den neuen Zwischenbericht für Sonnabend angekündigt. Die Behörde habe ihn noch nicht in den Händen. Mitarbeiter der Behörde für Zivilluftfahrt hatten Erwartungen im Vorfeld gedämpft. Es handelt sich um einen Routinebericht. Die UN-Organisation für Zivilluftfahrt (ICAO) schreibe bei nicht abgeschlossenen Unfalluntersuchungen eine periodische Veröffentlichung von Zwischenberichten jeweils zum Jahrestag des Unglücks vor.

Genau zwölf Monate ist es nun her, dass die Malaysia-Airlines-Maschine aus dem Nachthimmel über dem Südchinesischen Meer verschwand, und Calvin Shim ist kein bisschen schlauer als am 8. März 2014. „Christine ist so hingebungsvoll“, erzählt er stolz. Er spricht immer in der Gegenwartsform von seiner Frau, der Chefstewardess des Fluges MH370. „Sie schafft alles gleichzeitig mit Bravour: ihre Karriere bei Malaysia Airlines, ihr Studium nebenher und die Kinder. Sie ist die engagierteste, liebevollste Mutter, die ich mir vorstellen kann.“ Jetzt kommt Calvins Stimme doch ins Stocken. Denn Christine Tan ist fort. Verschwunden. Zusammen mit ihrem Flugzeug.

Eine Boeing 777 mit 239 Seelen an Bord hat sich buchstäblich in Luft aufgelöst: kein Unwetter, kein Feuerball am Himmel, kein Notruf, kein Wrack. Niemand hat etwas gesehen, niemand hat bisher etwas gefunden, 365 Tage lang. In diesen Tagen wurden die Angehörigen mit jähen Hoffnungsresten, wüsten Verschwörungstheorien und niederschmetternden Unerklärbarkeiten hin- und hergeschüttelt. Auch wenn die malaysische Regierung alle 239 Insassen von Flug MH370 im Januar offiziell für tot erklärt hat, hält Calvin an dem Begriff „vermisst“ fest. „Die Behörden suchen schließlich noch. Und ich möchte weiter Hoffnung haben.“

Manche halten an dieser Hoffnung fest, wie Calvin Shim, obwohl sie die Pein verlängert. Andere werden von der Ungewissheit gefoltert und widmen ihr Dasein dem Warten auf Nachricht. Denn wenn es keine Beweise gibt, dann können und wollen sie auch nicht an das Schlimmste glauben.

„Ich habe jeden Tag geweint“

Wie Xie Xiucui und ihr Mann, die ihr Heim in der chinesischen Provinz Jiangsu verlassen haben, um in einer schäbigen Hütte in Pekings Vorstadt zu leben – um näher an den Informationen zu sein. Ihr 21-jähriger Sohn Feng Dong war an Bord von MH370 gewesen, auf dem Rückweg von einem Einsatz als Stahlarbeiter in Singapur. „Zu Hause konnte ich mich auf nichts konzentrieren“, erzählt Xie Xiucui. „Ich habe jeden Tag geweint.“ Sie mussten einfach dranbleiben, die Behörden um Antworten drängen. Dreimal pro Woche macht sich einer von den beiden zum Flughafen auf, ein Weg von drei Stunden. Sie haben Angst, wenn sie dort nicht mehr hingehen, wird Malaysia Airlines die Suche aufgeben. In Peking nahm Xie jeden Job an – nicht nur, um das nötige Geld zu verdienen. „Je härter ich arbeite, desto müder werde ich. Und dann denke ich wenigstens nicht an meinen Sohn.“ Sie will in Peking bleiben. „Ich würde mich sonst fühlen, als ob ich ihn aufgebe.“ Xie und ihr Mann glauben, dass die Menschen an Bord von MH370 irgendwo gelandet sind, dass man ihnen nicht sagen will, was wirklich geschah.

„Ich werde keine Story akzeptieren, die man mir ohne jeden Nachweis vorlegt“, erklärt auch die amerikanische Lehrerin Sarah Brigc, die ihren Lebenspartner Philip Wood in jener Nacht verlor. Sie glaubt ebenfalls fest daran, dass jemand hier irgendetwas „Großes“ vertuscht. Anderen Angehörigen gelang es, die Scherben aufzusammeln und ihr Leben weiterzuleben. 35 von ihnen haben pragmatisch die erste Entschädigungszahlung von 50.000 Dollar angenommen und versuchen, mit dem Unglück abzuschließen. Inzwischen sind weitere Flugzeuge abgestürzt oder wurden aus dem Himmel geschossen. Das Rad hat sich weitergedreht, und neue Unglücke rüttelten die Welt auf, doch MH370 sitzt wie ein Stachel in den Herzen der Welt. Was ist in jener Nacht passiert? So vieles passt nicht zusammen. Und da die offiziellen Stimmen sehr schnell sehr unglaubwürdig wurden, blühten die wildesten Theorien.

Je nachdem, wer gerade international als der weltgrößte Schurke dasteht, wird als Schuldiger für den Verlust von MH370 herangezogen: die Taliban, der Islamische Staat und zuletzt sogar Wladimir Putin: Kein anderer als der russische Präsident, so die jüngste Theorie, ließ die Maschine entführen und gen Norden nach Kasachstan umdirigieren, wo sie angeblich im Baikonur-Kosmodrom landete, einem von Russland geleasten Weltraumbahnhof. Die Theorie stammt von dem Luftfahrtexperten Jeff Wise, der oft und wild über das Verschwinden der Malaysia-Airlines-Maschine spekulierte. Bis heute war keine der Theorien überzeugend. Genau wie eine weitere Idee, der zufolge der Pilot Zaharie Shah die Boeing „absichtlich in die Antarktis“ steuerte. Dies ist der Kern einer neuen Dokumentation, die der Fernsehsender National Geographic für den Jahrestag vorbereitet hat. „Nur ein Cockpitkenner“, meint der Autor der Dokumentation, der amerikanische Unfallermittler Malcolm Brenner, könne das Flugzeug so bewusst gelenkt haben. Also doch ein groß angelegter Selbstmord? MH370 – auch wenn es für die Angehörigen bitterster Ernst bleibt – ist ein Stoff für Bestseller.

Vier Schiffe sind noch im Einsatz

Das Flugzeug, glaubt der Leiter der australischen Verkehrssicherheitsbehörde Martin Dolan, der die Suche inzwischen führt, wird innerhalb der nächsten drei Monate gefunden. Oder eben nicht. Bis Ende Mai werden die letzten 36.000 Quadratkilometer abgesucht sein. Vier Schiffe sind noch im Einsatz, die den Meeresboden scannen. „Bisher gab es keine Aha-Momente“, gibt Dolan zu. Aber wenn sich die Maschine innerhalb der Suchzone befinde, dann werde man sie auch finden. „Die Suche muss einfach weitergehen“, sagt Calvin Shim fast beschwörend. „Sie dürfen nicht aufgeben! Nicht nur um meiner bescheidenen Träume willen, sondern für die gesamte Menschheit!“