Prozess

„Du hast einen Teil von mir genommen“

Eine Amerikanerin, die beim Marathon-Anschlag ein Bein verlor, schreibt an den Boston-Attentäter

Rebekah Gregory hat am 15. März 2013 ein Bein verloren. Und ein Stück ihrer Unbeschwertheit, ihres Lebens vor dem Attentat beim Marathon in Boston. Sie war eine der ersten Zeuginnen, die am Mittwoch im Prozess gegen den Attentäter aussagte. Im Anschluss wandte sie sich mit einem offenen Brief an Dschochar Zarnajew. Bis Freitag erhielt dieser Brief bei Facebook mehr als 37.000 „Likes“ und wurde 11.000 Mal geteilt. Gregory schreibt darin von der Angst und den Albträumen, die sie in den letzten zwei Jahren quälten und in denen immer wieder das Gesicht des Attentäters auftauchte. Sie hatte mit ihrem Sohn den Marathon verfolgen wollen. Um ein Haar hätte sie auch ihr Kind verloren. Dann aber, nachdem sie Zarnajew im Prozess gegenüber gesessen hatte, habe sie ihre Angst plötzlich verloren. „Du bist ein Feigling“, schreibt sie, „ein kleiner Junge, der mir nicht einmal in die Augen sehen kann“. Statt zu zerstören, wie er es gewollt habe, habe er sie nur noch stärker gemacht. „Du hast einen Teil von mir genommen“, schreibt sie, „aber du hast mein Leben auch gerettet. Denn jetzt bin ich so viel dankbarer für jeden einzelnen Tag, der mir gegeben ist. Und meinen Sohn nehme ich umso fester in den Arm, froh, dass er sich trotz allem so gut entwickelt“. Gregory trägt mittlerweile eine Beinprothese und engagiert sich für die Opfer des Attentats. Mit den Worten „Du bist ein Niemand“, schließt sie den Brief. Sie unterzeichnet mit „Jemand, mit dem du dich besser nicht angelegt hättest“.

Bei dem Anschlag in Boston wurden drei Menschen getötet. Mehr als 260 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Sollte er schuldig gesprochen werden, droht dem überlebenden Attentäter Dschochar Zarnajew die Todesstrafe.