Musik

Vom Ruhm bekümmert

Sieger des ESC-Vorentscheids ist der Rummel um seine Person offenbar zu groß geworden

Mit so wenigen Worten lässt sich ein mediales Beben auslösen: „Es ist momentan so, ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen.“ Der Gewinner des ESC-Vorentscheids Andreas Kümmert wird bejubelt und will plötzlich nicht mehr singen. Dabei wäre er – wenn man mal ehrlich ist – der Einzige gewesen, mit dem Deutschland in Wien eine Chance gehabt hätte, ein paar Punkte zu bekommen. Andreas, der absolute Favorit, der deutsche Joe Cocker.

So einen nassen Waschlappen haben die ESC-Fans noch nie ins Gesicht geklatscht bekommen. Was für ein Skandal, empören sich die einen. Wie mutig, sagen die anderen. 3,2 Millionen Zuschauer schalteten den Vorentscheid „Unser Song für Österreich“ ein. Für Kümmert stimmten am Ende 78,7 Prozent der Anrufer. Auf die Zweite Ann Sophie entfielen 21,3 Prozent, wie der NDR mitteilte.

Schon vor der Sendung aber hatte sich angedeutet, dass etwas nicht stimmt. Kümmert hatte angeblich Fieber bekommen, sagte eine Probe kurzfristig ab. Dass mit dem 28-Jährigen kein handzahmer Pseudo-Superstar à la DSDS auf die Bühne geholt wird, der alles für ein paar Minuten Ruhm tut, hätte allen wissen müssen. Kümmert ist auch kein Kandidat wie Lena Meyer-Landrut, der ihre Rolle stets leicht von der Hand zu gehen schien.

Andreas Kümmert ist ein Charakterkerl – oder um es mit den Worten von Siggi Schuller vom Platten-Label Universal zu sagen – ein „verrückter Hund“. Einer, den man ganz bestimmt nicht mal eben von Interview zu Interview schubsen kann, der sich ans Skript der PR-Maschinerie hält und für die Kameras posiert. Nein, er, der einst mit einer Punk-Grunge-Band anfing und nie eines Gesangslehrers bedurfte, pfeift auf den ganzen Kram. Er braucht so was nicht.

Er brauchte eine Pause

Der ESC-Vorentscheid ist zudem nicht die erste Veranstaltung, wo er seine Fans und diejenigen, die ihn entweder fördern oder ein Geschäft mit ihm machen wollten, enttäuschte und verschwindet. Nach seinem Sieg in der dritten Staffel von „The Voice“ im Jahr 2013 sagte Kümmert plötzlich seine Teilnahme an der Tour mit den Halbfinalisten ab, obwohl die Öffentlichkeit regelrecht nach ihm lechzte. Jeder wollte Kümmert sprechen, sehen, hören. Doch der Sieger kurierte auch damals erst einmal eine angebliche Erkältung bei seinen Eltern aus. Er brauchte eine Pause.

Dabei gönnte man gerade so einem wie ihm die ganz große Karriere: Der Mann aus Unterfranken hatte nicht nur wegen seiner Stimme gewonnen, sondern auch weil er ein Unikat war. Übergewichtig, mit Zauselbart und Halbglatze war er eigentlich so etwas wie ein Ursympath. Einer, der echt wirkt, authentisch, der nicht in den Mainstream und die bunte TV-Glitzer-Welt passt. Er kam von ganz unten, hatte sich mit Hunderten Auftritten in Klubs und Kneipen über Wasser gehalten und dabei auch nach eigenen Worten „viel Mist“ erlebt, manchmal habe ihn sein betrunkenes Publikum sogar verprügeln wollen.

Nach dem Sieg bei „The Voice“ bot sich ihm also der Sprung ins große Geschäft, ein Leben als potenzieller Star. In einem seiner wenigen Interviews sagte er einmal: „Jeder hat Träume. Meiner ist es, auf das Cover des ‚Rolling Stone‘-Magazins zu kommen. Alle Großen, die ich verehre, waren da zu sehen!“

Doch statt nun voll aufzudrehen, zog er die Bremse. Er tauchte ab. Kein medialer Seelenstriptease, keine große Homestory. Er arbeitete lieber still im Studio an seinem neuen Album, es ist das vierte, „The Mad Hatter’s Neighbour“. Erst danach ging er wieder auf Tour. Bei einem dieser Auftritte im Kreis Heilbronn soll es allerdings zu einem Zwischenfall gekommen sein. Die „Bild“-Zeitung berichtet, dass er von der Bühne aus zwei Frauen beschimpfte, die sich unterhielten, während er sang. „Warum verpisst ihr euch nicht einfach?“, soll er ins Mikro geschrien haben. „Als wir den Saal verließen, rief er uns hinterher: ‚Verpisst euch, ihr Schlampen‘“, werden die Frauen zitiert. Beide stellten Anzeige wegen Beleidigung. Kümmert wollte sich dazu nicht äußern. Stehen diese Ausraster mit Kümmerts ESC-Absage in Verbindung?

Viele waren überrascht davon, dass Andreas Kümmert überhaupt beim ESC mitmachen wollte. So einer wie er passte doch überhaupt nicht in diese Szene hinein, die jemanden wie Conchita Wurst feierte. Auch diejenigen, die eng mit dem Musiker zusammenarbeiten, scheinen diese Situation unterschätzt zu haben. Sie erkannten offenbar nicht die Warnsignale, dass sich Kümmert womöglich überfordert fühlte.

Kümmert war stiller als sonst

„So vollständig erklären könnten wir das erst, wenn man vier, fünf, sechs, sieben Gespräche mit Andreas geführt hat“, sagte Siggi Schuller. „Ich glaube, er hat einfach spontan entschieden. Er hat alles gegeben und irgendwann gemerkt, dass er es nicht packt.“

Schon zwischen den Auftritten habe er gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Kümmert sei stiller gewesen als sonst, habe keine Witze gemacht, sondern sei in Gedanken gewesen. Hatte also Andreas Kümmert bloß Angst vor der eigenen Courage? Ist er schüchtern? „Ich bin nur ein kleiner Musiker“, sagte Kümmert, als er seinen Titel an Ann Sophie abtrat. Vielleicht hat er auch einfach nur noch nicht verstanden, dass ihn gerade das zu einem ganz Großen macht.