US-Bürokratie

Das Mädchen, das es nicht gibt

Ihre Eltern ließen Alecia nie registrieren. Nun kämpft sie gegen die US-Bürokratie

„Mein Name ist Alecia Faith Pennington, und ich bin eine Bürgerin der Vereinigten Staaten.“ Mit diesen Worten beginnt das knapp 90 Sekunden lange YouTube-Video mit dem Titel „Help Me Prove It“ (zu Deutsch: Helft mir, es zu beweisen). Seit Februar haben den Appell der jungen Frau aus Texas, die eindringlich um Hilfe bittet, bereits mehr als eine Million Menschen sehen wollen.

Denn Alecia hat ein Problem: Sie besitzt keine offiziellen Papiere, weil ihre streng religiösen Eltern sie nie bei den Behörden registrieren ließen. Das hat nun, da Alecia erwachsen ist und ein eigenständiges Leben führen möchte, dramatische Folgen: Technisch gesehen existiert sie für Amerika nicht. „Ich kann keinen Führerschein machen, keinen Job finden, nicht zur Schule gehen, kein Flugticket kaufen, kein Bankkonto eröffnen oder wählen.“ Zahlreiche Anträge scheiterten bereits: Sie wandte sich in ihrer Notlage an Richter, Abgeordnete und sogar den Gouverneur. Doch alle lehnten ihre Unterstützung ab. Schließlich könne sonst jeder daherkommen und behaupten, er sei Amerikaner. Hinzukommt, dass sie die Papiere, die ihre Existenz bestätigen könnten, als Nachweis nicht akzeptiert wurden. Und ihre Eltern weigern sich, ihr zu helfen. Alecia hängt also fest in den Mühlen der Bürokratie.

Alecia entschied sich deshalb, öffentlich jemanden zu suchen, der in einer ähnlichen Lage war oder weiß, wie sie endlich einen Pass bekommen kann. „Ich will reisen, ich will eine Ausbildung machen, ich möchte einfach ein funktionierendes Leben führen“, sagte sie in dem Clip. „Aber ich kann nicht, solange ich meine Staatsangehörigkeit nicht nachweisen kann.“

Zuhause unterrichtet

Alecia zufolge wurde sie am 26. November 1995 in den USA geboren – als das älteste von neun Kindern, und zwar im Haus ihrer Eltern in Texas. Bei ihnen – James und Lisa Pennington – handelt es sich allerdings um fundamentale Christen, die offensichtlich wenig von weltlichen Institutionen halten. Deshalb unterrichteten sie ihre Tochter (wie die anderen Kinder auch) auch Zuhause, Homeschooling heißt dieses Modell. In Deutschland ist es nicht zugelassen.

Diese Entscheidung hat nun zur Folge, dass Alecia keinerlei Zeugnisse oder wenigstens Klausuren besitzt, mit denen sie ihre Identität nachweisen könnte. Auch gibt es keine Kindergartenerzieherin oder Lehrer, die ihre Identität bestätigen könnten.

Aber Alecias Abwesenheit in der amerikanischen Bürokratie geht noch tiefer als ihr Fehlen im Bildungssystem: Sie war nie im Krankenhaus, nicht einmal beim Arzt, der irgendwelche Aufzeichnungen besitzen könnte. Immerhin war sie einmal beim Zahnarzt. Dieser bezeugte tatsächlich, dass Alecia seine Patientin war. Doch seine Aussage reichte den Behörden nicht. Auch ihre Taufurkunde aus dem Jahr 2005 akzeptieren die Ämter nicht als Nachweis. Texas benötigte zum Ausstellen einer Geburtsurkunde offizielle Papiere der Behörden.

Blieben also noch die Eltern, die Alecia helfen könnten. Doch das Verhältnis ist schwierig. Das Mädchen floh erst vor wenigen Monaten vor ihrer Familie. Zwischen Tochter und Mutter, die in dem Blog „The Pennington Point“ ihre fundamental-christlichen Ansichten (Punkt eins ihrer Erziehungstipps lautet „Beten“) verbreitet, tobt eine regelrechte Medienschlacht. Alecia habe Forderungen für ein weiteres Zusammenleben gestellt, die die Familie nicht erfüllen konnte, erzählt Lisa die Geschichte aus ihrer Perspektive. Und bei ihrer Flucht habe sie Hilfe von einer „gottlosen Frau bekommen, die ihr verrückte Ratschläge gab und ermutigte, diese auch noch zu befolgen.“

Mehrere US-Medien fragten inzwischen auch bei Vater James nach, wo denn die Papiere für das Kind seien. Er antwortete daraufhin, dass die Hebamme nach Alecias Geburt beauftragt gewesen sei, das Neugeborene zu melden. Sie seien davon ausgegangen, dass alles in Ordnung sei. Abgesehen davon besitzt Alecia auch keine Sozialversicherungsnummer, mit der sie zum Beispiel später ihre Rente beantragen könnte – und das, obwohl ihr Vater als Steueranwalt tätig ist. Tatsächlich gab dieser später zu, er habe religiöse Bedenken gegen diese nationale Identifikationsnummer und deshalb keine für Alecia beantragt.

Immerhin scheint der öffentliche Appell der jungen Frau geholfen zu haben: Ihr Vater willigte inzwischen ein, sie bei ihren Anträgen zu unterstützen und gegebenenfalls auch Dokumente zu unterschreiben, die ihre Abstammung belegen. Zudem hat sie nun juristische Hilfe bekommen.