Schönheitskult

Im Beauty-Salon der Sechsjährigen

Die Wellness-Industrie der USA nimmt Kinder ins Visier. Erfahrungen einer Mutter

Während der Deutsche Wellness-Verband im Februar die 15- bis 30-Jährigen in den Mittelpunkt seiner Jahrestagung stellt, denkt man auf der anderen Seite des Atlantiks längst weiter. Die Folgen der US-Wirtschaftskrise sind noch spürbar, doch die Spa-Industrie boomt. Grund für die Auslastung der Terminkalender ist ein völlig neuer Kundenkreis, der Schuhe mit Klettverschluss trägt, weil Schleifenbinden noch schwierig ist.

„Sweet & Sassy“– „Süß & Frech“ – ist nur eine der Franchise-Ketten, die Mädchen zwischen zwei und 14 Jahren eine sehr rosafarbene Stunde lang ein volles Beautyprogramm bieten. „Einer jungen Person die Instrumente zu geben, effektiver Stress zu managen, ist ganz klar ein Weg zur Gesundheitsvorsorge“, erklärt Lynne McNees, die Präsidentin der International Spa Association (ISPA) mit Sitz in Kentucky.

Beautyprofis lange vor den Pickeln

Die Nachfrage ist beachtlich: Schon 25 Prozent der US-Spas haben Angebote für Kinder unter 13 Jahren. Hinzu kommen zahlreiche Unternehmen, die sich ausschließlich auf die Kleinen konzentrieren. Lange bevor der erste Mitesser auftaucht, sind immer mehr Mädchen schon Beautyprofis. In fast jeder US-Großstadt gibt es Spas für Kinder, die neben Fahrten in rosafarbenen Stretchlimos und Geburtstagspartys mit Modelshootings und professionellem Make-up alles offerieren, was einen Look irgendwo zwischen dem Trash-Idol Kim Kardashian und Disney-Prinzessin Elsa ermöglicht.

Email-Terror, Fitnesswahn, Botox-induzierte Gesichtslähmung – fast beneidet man die deutsche Nachkriegsgeneration um die schlichte Würde ihres kargen Lebens. „In unserer Welt der Non-stop-Kommunikation, steigender Karriere- und Familienanforderungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und eskalierenden Zeitnöten, ist es eine echte Herausforderung, unsere ‚Lebenslast‘ zu balancieren“, verbreitet ISPA. Jetzt sind in den USA die Ur-Enkelinnen der Weltkriegsgeneration fest im Blick. Bislang sah man in den USA die Mädchen eher artig an der Seite von Müttern sitzen, die trotz berstendem Terminkalender versuchen, ihre Fingernägel in einen gepflegten Zustand zu bringen. Nun können die Girlies alleine gehen, wenn Mom die Buchung spendiert. Das kann teuer werden. Wer ein Geburtstagspaket bucht und ein Dutzend Kinder einlädt, ist mit den obligatorischen Goodie-Bags schnell 1000 Dollar los.

„Das ist der beste Laden, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe”, seufzt Felice. Ihre Mutter hat für knapp 60 Dollar ein Super-Spa-Paket bei „Sweet & Sassy“ gebucht. In einem rosa Laden, mit rosa Bademänteln und Regalen voller rosa Glitzersachen bekommt der Pippi-Langstrumpf-Verschnitt gleich die erste Pedi- und Maniküre ihres Lebens – eine Art amerikanischer Initiationsritus in die Welt synthetischer Weiblichkeit. Danach kann sie sich bei einer Beinmassage und einer Gurkenmaske entspannen. Felice ist sechs Jahre alt. Die Mutter bin ich.

Felice klettert mit ihren Freundinnen Emma, 10, und Violet, 6, auf den Pedikürestuhl und lässt sich mit Himbeer-Peeling die Füße waschen. Da sie auch im Winter am liebsten barfuß läuft, sind diese danach sogar mal richtig sauber. Violet möchte lieber, dass ihre Füße nach Bonbons riechen und wählt „Gum Drop Scrub“. Violets ältere Schwester Emma hat schon einen etwas subtileren Geschmack und entscheidet sich für Limone. Dann beraten die Mädchen, welche Glitzer-Bodylotion sie sich zusammenstellen: Felice schwankt zwischen „Vanilla Fairy Dust“ und „Candy Apple“. Mir wird leicht übel. Nicht wegen der zuckersüßen Auswahl, sondern wegen des Preises.

„Eine der schlechtesten Ideen“

Gurkenmaske, lackierte Fußnägel, Model-Shooting: Nicht jedem in Amerika gefällt der Trend, Mädchen so früh mit Beauty-Angeboten anzufixen. „Eltern sollten bewusst die ganze Bandbreite der Begabungen ihrer Kinder fördern, darunter Entschiedenheit, Intelligenz, Kreativität und Sportlichkeit“, rät die New Yorker Kinderpsychologin Laura Athey-Lloyd. Sich auf die Schönheit zu konzentrieren und dabei andere Teile des kindlichen Ichs zu vernachlässigen, sei schädlich. Ihre Kollegin Madeline Levine ging in der „New York Times“ weiter und nannte Kinder-Spas „eine der schlechtesten Ideen überhaupt“.

Bis zum siebten Geburtstag von Felice sind es noch sieben Monate. Es gibt wie jedes Jahr eine Schatzsuche im Garten. Ich beschließe, ein paar Wochen keinen Nagellack zu tragen. Ob das noch klappt mit der Vorbildfunktion?