Prozess

Wenn Polizisten zu Tätern werden

Prozess: 1,8 Kilo Kokain im Spind des Chefs der Drogenfahnder von Kempten gefunden

Jahrelang war er für die Drogenbekämpfung im Allgäu zuständig. Jetzt steht der ehemalige Leiter der Kemptener Drogenfahndung selbst wegen Drogenbesitzes vor Gericht. 1,8 Kilogramm Kokain fanden Kollegen vor knapp einem Jahr in seinem Dienstschrank. Die Drogen habe er für sich verwenden wollen, gab der 53 Jahre alte Kriminalbeamte am Montag vor dem Landgericht Kempten zu Protokoll: „Die waren für den privaten Gebrauch bestimmt.“ Das Kokain sei ihm zu dienstlichen Zwecken überlassen worden – „für Schulungszwecke“.

Als der Angeklagte mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird, wirkt er gelassen. Minutenlang stellt er sich im dunklen Anzug dem Blitzlichtgewitter der Fotografen. Regungslos vernimmt er dann die Anklage. Auch als Details der brutalen Übergriffe auf seine Frau zur Sprache kommen, bleibt sein Blick ausdruckslos. Später verliest er eine Erklärung, in der er die Vorwürfe weitgehend einräumt. An manches habe er wegen seines Drogenkonsums jedoch keine Erinnerung mehr, sagt er. „Ich sehe die Schwere meiner Fehler und werde mich für mein Verhalten verantworten. Mir ist bewusst, dass ich dem Ruf der Polizei geschadet habe.“

Der Beamte muss sich auch wegen gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung seiner Ehefrau verantworten. Vor einem Jahr soll er die heute 49-Jährige im gemeinsamen Haus im Oberallgäu gewürgt, geschlagen und ihr gedroht haben, ihr die Kehle durchzuschneiden. Auf der Flucht vor ihrem Mann war die Frau vom Balkon aus dem ersten Stock gestürzt. Dabei verletzte sie sich an der Wirbelsäule und musste operiert werden.

Kurze Zeit nach ihrer Entlassung aus der Klinik soll der Angeklagte seine Frau erneut gewürgt, geschlagen und zudem vergewaltigt haben. Wenig später wird er von Polizeibeamten in seinem Auto gestoppt und festgenommen. Dabei soll er mit knapp 1,5 Promille alkoholisiert gewesen sein und unter Drogeneinfluss gestanden haben. Als die Diensträume des leitenden Beamten in Kempten durchsucht werden, werden die 1,8 Kilo Kokain gefunden.

„Ich weiß, dass ich ein Suchtproblem habe“, sagt der 53-Jährige. Bevor er bei der Drogenfahndung angefangen habe, habe er keinen Kontakt zu Drogen gehabt. „Dann passierte das, was einem Polizeibeamten nicht passieren darf.“ Er habe der Versuchung nicht widerstehen können und irgendwann Kokain probiert.

Von 2007 an habe sich sein Konsum gesteigert. Er sei immer aggressiver geworden. Die Angriffe auf seine Frau räumte der Angeklagte zumindest teilweise ein. Nach Angaben der Verteidigung hat es bereits vor Prozessbeginn einen Täter-Opfer-Ausgleich gegeben. 35.000 Euro Schmerzensgeld habe der Mann an seine Frau gezahlt.