Bekleidungsbranche

Die auszogen, das Fürchten zu lernen

Drei norwegische Modebloggerinnen besuchen in Kambodscha eine Nähfabrik – eine beschreibt ihr Entsetzen über die Lage der Arbeiter

Anniken Jørgensen ist 17 Jahre alt, hat langes blondes Haar. Auf den Fotos ihres Mode-Blogs ist sie perfekt geschminkt und lebt davon, Bilder ihrer seidenen Luxus-Unterwäsche zu posten. Die Schülerin verdient ihr Geld mit einem Internet-Tagebuch, und wer sie im Film „Sweatshop“ zuerst sieht, könnte sie für eine verzogene Erste-Welt-Göre halten, die sich hauptsächlich darum sorgt, ob die Farbe ihres Seidenschals zum Lippenstift passt. Um es vorwegzunehmen: Das stimmt nicht.

Aber um das Klischee zu brechen, ist eine lange Reise nach Kambodscha nötig, Besuche in Kleiderfabriken, Arbeitsschichten als Näherin und Interviews mit Arbeiterinnen, verpackt in einen Film, den die norwegische Hauptstadt-Zeitung „Aftenposten“ gedreht hat. „Sweatshop – Dead cheap fashion“ heißt die Dokumentation, in der drei norwegische Modebloggerinnen in ein Flugzeug verfrachtet, in Phnom Penh ausgeladen und mit der rauen Wirklichkeit des Lebens kambodschanischer Näher und Näherinnen konfrontiert werden.

Nun ist der Film auch mit englischen Untertiteln versehen worden und geht um die Welt. Seit der US-Schauspieler Ashton Kutcher das Video auf Facebook geteilt hat, haben sich immer mehr Menschen die Reportage auf den Internetseiten der Zeitung angesehen.

Zunächst präsentieren die Autoren die schöne erste Welt der Norweger: Ihren Luxus, ihr Faible für Mode, ihr oberflächlich wirkendes Interesse für Kleidung und Chic. „Ich hatte wirklich keine Ahnung, was mich dort erwarten würde“, sagt Anniken Jørgensen. Sie habe sich nicht vorstellen können, wie die Menschen dort leben.

Stück für Stück demontiert der Film das Bild der Blogger vom Leben der Anderen – und zerlegt auch das Selbstbild der jungen Stil-Freunde. „Die Leute haben vielleicht nicht so einen tollen Job, aber sie haben wenigstens einen Job“, sagt Jørgensen zu Beginn der Reise. „Die sitzen ja auch nicht auf Stühlen und an Tischen wie wir, die sind eben anders“, meint sie zu wissen.

Dann führt sie ein junger Kambodschaner in die Fabriken und zu den Familien der Arbeiter. Dicht an dicht sitzen die Näherinnen, meistens Frauen, dort. Eine Frau berichtet, dass sie seit 14 Jahren, Tag für Tag, die gleiche, wenige Zentimeter lange Naht näht, die den Ärmel eines Pullovers befestigt. Sie hat nie etwas anderes gemacht. Anniken Jørgensen bricht da schon in Tränen aus. „Was ist das bloß für ein Job?!“ fragt sie. An einer andern Stelle stellt der Film den Lohn der Arbeiter in Relation zum Kaufpreis eines Kleidungsstücks. Es sind meist nur wenige Cent, aber immer Beträge unter einem Euro, die die Näherinnen erhalten. Jeder sieht: Eine winzige Preiserhöhung würde schon reichen, um das Leben der Menschen drastisch zu verbessern. Es folgen Bilder von Demonstranten in Phnom Penh, die einen Mindestlohn von 160 Dollar im Monat fordern. Leben könnten sie davon auch nicht, sagt eine Frau. Aber wenigstens überleben.

Dann berichtet eine 19-Jährige, dass ihre Mutter gestorben sei, als sie noch ganz klein war und noch nicht sprechen konnte. Woran ist sie gestorben, will Jørgensen wissen. „Sie ist verhungert, noch in der Zeit, als sie mich gestillt hat“, sagt die Arbeiterin. Die Bloggerin wendet sich ab, heult hemmungslos. Am Telefon erzählt Jørgensen: „Diese Frau hätte meine Freundin sein können“, sagt sie. „Sie durfte nie zur Schule gehen, hat keine Chance auf ein besseres Leben. Das ist nicht zu ertragen.“

So viele junge Leute wie möglich sollten dorthin reisen und sich das ansehen, empfiehlt Jørgensen. Sie kaufe „bewusster“, sagt sie, aber durchaus auch Textilien von Marken wie Zara, H&M oder Monki, alles Firmen, die ebenfalls in Südostasien produzieren. „Ich bin auch nur ein Mensch“, entschuldigt sie sich in ihrem Blog.

Gute Vorsätze

Nach der Reise wollte Jørgensen nicht nur ihr Kaufverhalten ändern, sondern auch andere wachrütteln. Der Geist war aus der Flasche, die junge Frau wollte, dass sich etwas ändert. Jørgensen geht es um das Bewusstsein der jungen Käufer. Sie hoffe, dass es die eine oder andere Seele bei einer der großen Ketten gibt, die die Diskussion als eine Chance begreift, und sagt: Wir haben Lust, einen Unterschied zu machen. „Wenn dann alle anderen Ketten mitzögen, würden die Menschen, die wir besucht haben, eine bessere Zukunft haben.“ Im Blogeintrag vom 22. Januar schreibt sie, dass sie ein Paket von einem Modelabel bekommen hat. „Ich musste wieder meinen Unterwäsche- und Hosenvorrat auffüllen“, schreibt sie. Mittlerweile kann die Schülerin vom Bloggen leben und erhält viele Kleider gratis von den Firmen, weil sie sie in professionellen Fotos auf ihrem Blog präsentiert. Das Leben geht eben weiter. In Phnom Penh und in Oslo.