Deeskalation

Körperkameras für Amerikas Polizisten

Die Aufnahmen der „Bodycams“ sollen helfen, kritische Situationen im Nachhinein zu klären

Tödliche Schüsse auf einen Polizisten in Arizona haben die Debatte über die Ausrüstung der US-Gesetzeshüter mit einer Körperkamera angeheizt. Der erschossene Tyler Stewart war mit einer solchen Kamera ausgerüstet. Die letzten Sekunden im Leben des 24-Jährigen wurden darum auf Video festgehalten. Dabei sah alles nach einem Routineeinsatz aus: Wegen häuslicher Gewalt hatte eine junge Frau bei der Polizei in Flagstaff (Arizona) angerufen. Der von der Polizei veröffentlichte, etwa 14-minütige Filmausschnitt beginnt, als Stewart vor dem Haus des Beschuldigten vorfährt, um ihn nach seiner Darstellung der Vorgänge zu befragen.

Der 28-jährige Robert Smith öffnet ihm, bekleidet mit einer Winterjacke, und tritt mit dem Polizisten vor die Tür. Ein scheinbar entspanntes Gespräch beginnt. Die Freundin habe ihn zwölfmal geschlagen, behauptet der äußerlich ruhige Smith, und deutet auf Wange und Ohr, „hier und hier“. Zweimal fragt Stewart ihn, ob er eine Waffe in seiner Jacke habe, zweimal verneint Smith. Als der ausgesprochen freundlich agierende Stewart Anstalten macht, prüfend auf die ausgebeulte rechte Jackentasche von Smith zu klopfen, ändert sich die Szenerie in Sekunden. Smith reißt einen Revolver heraus, man sieht Stewarts linke Hand abwehrend hochfahren, dann stoppt der Filmausschnitt wegen der Brutalität der Bilder. Die Staatsanwaltschaft sagt, Smith habe an jenem 27. Dezember sechsmal geschossen. Danach griff Smith die Dienstwaffe seines am Boden liegenden Opfers und jagte sich selbst eine Kugel in den Kopf. Er starb am Tatort. Stewart wird wenig später im Krankenhaus für tot erklärt.

Vertrauensverhältnis stärken

Eigentlich sollen Körperkameras Konfrontationen entkrampfen und das Vertrauensverhältnis zwischen Polizisten und Bürgern stärken. Diese Idee findet insbesondere nach den tödlichen Schüssen des Beamten Darren Wilson auf den 18-jährigen Michael Brown in Ferguson im vergangenen August Fürsprecher. Wilson trug keine Körperkamera. Weil es nur wenige und zudem widersprüchliche Zeugenaussagen gab, ließ sich nicht klären, ob der afroamerikanische Teenager den Polizisten angegriffen hatte oder nach einem Handgemenge mit erhobenen Händen lediglich auf ihn zugegangen war.

Eine Jury sprach schließlich hinter verschlossenen Türen den weißen Beamten von jedem Fehlverhalten frei, so dass ihm ein Gerichtsverfahren erspart blieb. Im überwiegend schwarzen Ferguson führte dies zu erneuten schweren Ausschreitungen. Dort war das Misstrauen gegenüber der örtlichen Polizei, von deren 53 Beamten nur drei Afroamerikaner sind, schon vor Michael Browns Tod groß. Auch landesweit kam es zu Protesten.

Barack Obama griff persönlich in die Debatte ein. Der Präsident warb für die Ausstattung von Polizeidienststellen mit Körperkameras, um derartige Zweifelsfälle seltener zu machen. Er kündigte im Dezember ein 265-Millionen-Dollar-Programm an, mit dem rund 50.000 der Geräte angeschafft werden sollen. Die Bundesstaaten und die Kommunen müssen die Hälfte der Kosten tragen. Unter anderem in Ferguson wurde die neue Technik inzwischen eingeführt.

„Wenn man Polizeibeamten eine Kamera umhängt, tendieren sie dazu, sich etwas besser zu verhalten, die Regeln etwas besser zu befolgen. Und wenn ein Bürger weiß, dass ein Beamter eine Kamera umhat, wachsen die Chancen, dass sich der Bürger etwas besser beträgt“, sagt William A. Farrar, Polizeichef im kalifornischen Rialto. Er startete einen Feldversuch mit der neuen Technik. Seit Februar 2012 tragen 70 Beamte in Rialto Bodycameras. Das Ergebnis: Die Gewaltanwendung von Polizisten ging um 60 Prozent zurück, und die Beschwerden über Polizisten nahmen um 88 Prozent ab.

Es gibt Kameras, die vor der Brust getragen werden; andere Modelle sind in den Bügel von Sonnenbrillen eingebaut und erinnern an die Google-Glasses. Je nach Typ kosten die Kameras bis zu 900 Dollar. Bei der New Yorker Polizeibehörde NYPD sind 35.000 uniformierte Polizisten angestellt. Soll jeder von ihnen eine Kamera bekommen, läge die Investition allein für die Hardware bei über 30 Millionen Dollar. Hinzu kämen Server für das Abspeichern der Videobilder und Mitarbeiter, die das Material auswerten und Software wie Hardware warten. Die flächendeckende Ausstattung der Gesetzeshüter in den USA wird also ein finanzieller Kraftakt.

Dass diese Geräte in den technikaffinen USA noch nicht zum Polizeialltag gehören, liegt aber vor allem am ursprünglichen Widerstand von beiden Seiten, der erst seit Ferguson und einer gewachsenen Sensibilität für Fälle von möglicher Polizeiwillkür nachlässt.

Selbst die Organisation ACLU (American Civil Liberties Union) befindet inzwischen, dass die Vorteile eindeutig gegenüber den Nachteilen überwiegen. „Auch wenn wir im Grundsatz die Ausweitung von Überwachungskameras im amerikanischen Alltag kritisch sehen, ist es mit Körperkameras für die Polizei aus unserer Sicht etwas anderes, weil sie den möglichen Missbrauch der Polizeigewalt überprüfbar machen.“