Extrembergsteigen

Burger essen, frei schwebend

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Holger Kreitling

Zwei Kletterer wollen im Yosemite Valley die legendäre „Dawn Wall“ bezwingen

Schöne Tage an der frischen Luft, was ist zu tun? Bisschen bewegen, viel ausruhen, bisschen essen, Kaffee. Sehr wichtig: Maniküre. Besonders die Fingerkuppen. Dann und wann ein Griff zum Telefon. „Könnt ihr uns morgen eine heiße Pizza schicken“, sagte Tommy dann kürzlich zur „New York Times“. Keine leichte Sache. Denn Tommy Caldwell, 36, und sein Freund Kevin Jorgeson, 30, sitzen in Spezialzelten, die mit Aluminiumverstrebungen am Fels hängen. Schauen sie heraus, geht es Hunderte Meter steil bergab, nach oben ebenso. Da kapituliert der ehrgeizigste Pizza-Lieferdienst.

Eine Umkehr ist unmöglich

Die beiden Kletterer hängen seit 14 Tagen am El Capitan im Yosemite Valley, einem legendären Berg in Kalifornien. Sie wollen als erste die Dawn Wall frei klettern. Das heißt, sie sind wegen Absturzgefahr angeseilt, können sich aber nur ohne Hilfsmittel vorwärtsbewegen, keine Haken schlagen, nicht an Seilen klettern. Das hat bisher noch niemand geschafft. Die mehr als 1000 Meter hohe Dawn Wall an der Ostseite ist die glatteste und senkrechteste der ohnehin steilen und furchterregenden Wände des El Capitan.

Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson wollen in 32 Seillängen durch die Wand steigen (aber eben ohne Seil). „Härteste Felskletterei der Welt“, „Die verrückteste aller Klettereien“, es gibt derzeit viele Superlative für die Aktion. An vielen Stellen können sie nur mithilfe einiger Finger vorwärtskommen, lediglich winzige Vorsprünge bieten Halt, so fest und glatt ist der Fels. An anderen Stellen sind die Kanten messerscharf. Eine zwischenzeitliche Rückkehr zum Boden – aus welchen Gründen auch immer – ist ausgeschlossen.

Momentan sind sie bei den Seillängen Nummer 15 und 16, sie haben zwei besonders schwere Probleme gelöst, es war ein Durchbruch. Am Montag musste ein Ruhetag eingelegt werden, um die strapazierten Fingerkuppen zu schonen und tote Haut abzuschaben. Es gab prächtige Bagels mit Salami, Gurke, Paprika und Avocado, aber keine Pizza. Und Bloggen, beide Kletterer sind eifrige Nutzer sozialer Medien.

Die Akkus der Telefone werden mit Sonnenkraft geladen, Toilette erledigen sie in einer Tüte (und wenigstens ein Mal über den Zeltrand, so wurde es beobachtet). Alle fünf Tage kommt Lebensmittelnachschub. Ein befreundeter Kletterer bringt dann einen Sack mit Wasser, Pasta, Gemüse und Früchten, Müsli und laut „New York Times“ einer kleinen Flasche Whiskey vorbei, zum Stressabbau. Was ihnen fehlt, ist die Möglichkeit, spazieren zu gehen. „Die Dawn Wall ist deshalb so einzigartig, weil es fast unmöglich ist, sie zu klettern“ sagt der Bergsteiger Alex Honnold, 29, der am El Capitan und im Yosemite Valley mehrere Rekordbegehungen geschafft hat, auch free solo, also ohne jegliche Sicherung. An die Dawn Wall hat er sich bisher nicht getraut. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit.

Es ist kein Vergleich zu den entbehrungsreichen Expeditionen der alpinen Frühzeit, als Kletterer, zumal im Winter, unter widrigsten Bedingungen versuchten, Wände zum ersten Mal zu durchsteigen und auf einem gefrorenen Stück Speck herumkauten. Aber es erinnert schon wegen der langen Dauer daran. In einer Zeit, wo es um Speed-Rekorde geht und in Stunden erreicht wird, wofür früher viele Tage notwendig waren, ist die Beharrlichkeit beachtlich, zwei Wochen in winzigen Etappen am Berg aufwärts zu klettern.

Geklettert wird nachmittags und am frühen Abend, wenn die Sonne weg ist und es kälter wird. Tagsüber kann es um die zehn Grad warm sein, nachts friert es. Die Hände dürfen nicht verschwitzt sein. Der Fotograf und Blogger Tom Evans schrieb am Mittwoch, „großartiges Wetter für normales Klettern, aber nicht für extremes Klettern. Viel zu warm am El Cap. Die Männer haben sich entschieden, auf den Einbruch der Dämmerung zu warten.“ Das bedeutet, sie gehen mit Stirnlampen an den Fels, an einer Stelle, wo Kevin Jorgeson plant, auch einen Sprung zu machen und sich mit den Fingerspitzen abzufangen. Kevin Jorgeson kommt aus Santa Rosa, Kalifornien, Tommy Caldwell stammt aus Estes Park in Colorado. Sie haben, schreiben sie, sich seit sechs Jahren vorbereitet. Das heißt, sie haben die Route trainiert, Griffe und Sprünge geübt.

Fels reißt Haut von den Fingern

Das Yosemite Valley ist eines der berühmten Klettergebiete der USA. Hier haben die Hippies unter den Bergsteigern neue Regeln erfunden und das Klettern in den 70er-Jahren radikal verändert. Zum ersten Mal überhaupt wurde die Dawn Wall 1970 bezwungen. Warren Harding und der nicht verwandte Dean Caldwell brauchten 27 Tage und überlebten einen viertägigen Sturm, während dem sie ausdrücklich nicht gerettet werden wollten. Und sie setzten Hunderte von Bohrhaken, die ein Konkurrent später wütend großenteils entfernte.

Eigentlich wollten Jorgeson und Caldwell am Wochenende die Wand durchstiegen haben. Das wird nicht klappen. Caldwell schreibt, er lässt sich vom Wecker alle vier Stunden wecken, um die Finger zu pflegen. Das Klettern in der Dunkelheit habe eine Leichtigkeit und Ruhe gebracht. Es klappte dennoch nicht. Man sieht ein Foto von Jorgeson mit Stirnlampe, er hängt an den Fingerkuppen am Fels. Er schreibt: „Bei meinem vierten Versuch, so um 23 Uhr, rissen die scharfen Kanten sowohl mein Tape als auch die Haut glatt von den Fingern. Ich gebe nicht auf. Ich werde ausruhen. Ich werde es erneut versuchen. Ich werde es schaffen.“