Film

Abseits des Star-Glamours

Angelina Jolie kommt mit ihrer zweiten Regiearbeit in die Kinos. In Berlin spricht die US-Schauspielerin über ihre politischen Ambitionen

An jenem Nachmittag ist sie von ein paar Fotografen ausgebuht worden. Das kommt bei ihr eher selten vor. Angelina Jolie, Hollywoods glamourösester Star, Mutter von sechs Kindern und UN-Aktivistin, ist in all diesen Rollen das am häufigsten fotografierte Gesicht der Welt. Wo immer sie auftritt, gibt es bei den Fotografen kein Halten mehr. Eigentlich.

In Berlin spürte sie kürzlich Gegenwind. Warum? Weil sie sich weigerte, alleine zu posieren und nur gemeinsam mit dem britischen Schauspieler Jack O’Connell und seinem japanischen Kollegen Miyavi vor die Kameras trat. Beide sind Hauptdarsteller in ihrem neuen Film, dem Weltkriegsdrama „Unbroken“, Jolies zweiter Regiearbeit (ab 15. Januar im Kino). Und beide sind noch weitgehend unbekannt. Jolies Botschaft sollte wohl sein: Das hier sind meine Hauptdarsteller, ich selbst stehe diesmal nur im Hintergrund.

Wenig später sitzt die 39-Jährige vor uns. Ganz entspannt über den Dächern von Berlin, im neunten Stock eines Hotels am Potsdamer Platz. Den schwarzen Rollkragenpullover, den sie vorher bei der Pressekonferenz trug, hat sie gegen eine weiße Bluse eingetauscht. Sie macht nicht den Eindruck, als hätte sie die Fotografenschelte nachhaltig verstört.

Das ganze Stockwerk ist für die Interviews mit ihr abgeriegelt. Scharen von PR-Leuten, Journalisten und ein paar Bodyguards wuseln durch die Gänge. Aufgeregte Hotelangestellte müssen sicherstellen, dass sich ja kein Unbefugter in diesen Stock mogelt.

In „Unbroken“ erzählt sie wie auch in ihrem Regiedebüt, dem Bosnien-Kriegsfilm „In The Land Of Blood And Honey“, von Folter und Misshandlungen in Zeiten des Krieges. In beiden Filmen hat die 39-Jährige weitgehend unbekannte Schauspieler besetzt. Für die wahre Geschichte des US-Amerikaners Louis Zamperini, der in japanischer Kriegsgefangenschaft geriet, wollte sie keine Star-Power. „Das kann von den Charakteren und der Geschichte ablenken. Es ging in meinen beiden Regiearbeiten um wahre Begebenheiten. Ich wollte keinen Schauspieler, dessen Name zu groß ist, weil er wegen der Schauspielerei noch wegen anderer Dinge populär ist“, sagt sie, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Wir sind ein bisschen verdutzt, das ausgerechnet von ihr zu hören.

Suche nach Ernsthaftigkeit

Matt Damon wäre für so eine Rolle also gar nicht infrage gekommen? „Nein“, sagt sie resolut. Wollte die Regisseurin Jolie gegen das Star-System Hollywoods rebellieren, dem sie als Schauspielerin selbst angehört? „Das könnte man so sehen“, schmunzelt sie, macht eine kurze Pause und fügt dann hinzu, „wenn ich jetzt in meiner dritten Regiearbeit nicht Brad besetzt hätte.“ Sie lacht. Brad Pitt. Inzwischen ihr Ehemann. Zusammen sind sie: Brangelina – das Power-Paar Hollywoods.

Sie wirkt gelöst, als sie das erzählt. Lacht oft. Man hat den Eindruck, die Regiearbeiten sind für sie inzwischen wie kleine Fluchten aus dem globalen Aufmerksamkeitshype, der sich jedes Mal automatisch in Gang setzt, sobald ihr Name in Meldungen erwähnt wird – in welchem Kontext auch immer.

Ihre Regieprojekte, vor allem ihre Arbeit für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, wirken wie die Suche nach mehr Ernsthaftigkeit. Ihr erster Film hatte noch gemischte Kritiken geerntet und war an den Kinokassen nicht erfolgreich. Der Nachfolger „Unbroken“ ist in den USA bereits angelaufen und kam in der Startwoche auf Platz zwei hinter dem „Hobbit“. Berichte, es könne diesmal für eine Oscar-Nominierung als beste Regisseurin reichen, kommentiert sie vorsichtig, zurückhaltend. Jede Anerkennung, die signalisiere, dass sie Louis Zamperini und seinem Leben gerecht geworden wäre, würde sie sehr freuen, sagt sie.

Es ist ihr zweiter Film über den Krieg. Sie ist seit 14 Jahren Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks. Im Gegensatz zu anderen Celebrity-Wohltätern versucht sie nicht, vom roten Teppich aus die Welt zu verbessern. Sie hat zahlreiche Krisengebiete besucht. Haben diese Erfahrungen ihren Blick als Regisseurin geprägt? „Das ist sicher so. Die Begegnungen mit all diesem Leid liegen mir schwer auf der Seele“, erklärt sie. Schon öfter wurde sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, in die Politik zu wechseln. Sie wäre nicht die erste Schauspiel-Ikone, die in der US-Politik reüssiert hätte. „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Vor ein paar Jahren hätte ich mir auch noch nicht vorstellen können, dass ich mal als Regisseurin arbeiten würde“, sagt sie. „Wenn jemand mich überzeugen könnte, dass ich in einer anderen Rolle wirklich etwas verändern könnte, würde ich mich in der Verantwortung sehen und das auch umsetzen.“