Justiz

Krankenpfleger gibt mehr als 30 Tötungen zu

Gutachter verliest Aussagen von Niels H. – insgesamt geht es jedoch um 200 Fälle

Er war es also tatsächlich: Niels H. hat zugegeben, die drei Morde und zwei Mordversuche begangen zu haben, die ihm die Staatsanwaltschaft Oldenburg im Prozess vor dem Landgericht vorwirft. Und er hat angegeben, weitere 30 Patienten getötet zu haben – indem er ihnen ein Mittel verabreichte, das Herzrhythmusstörungen auslöste, und er als Intensivpfleger mit seinen Reanimationskenntnissen glänzen konnte. Damit hat der 37-Jährige, wie befürchtet, weit mehr Menschen ums Leben gebracht als bisher bekannt. Zur Zeit untersucht die Polizei an die 200 Todesfälle, bei denen der frühere Pfleger seine Hände im Spiel gehabt haben könnte.

Bislang schwieg Niels H. im Prozess. Auch am Donnerstag sagte er nichts im Gerichtssaal. Seinem Gutachter aber öffnete sich der frühere Krankenpfleger in mehreren Gesprächen und gab ihm gegenüber die Taten zu. Da der medizinische Sachverständige nicht der Schweigepflicht unterliegt und alles, was gesagt wird, in sein Gutachten einfließen lassen kann, war Niels H. klar, dass seine Aussage verlesen wird. Es entsprach sogar seinem Wunsch.

„Die Tatvorwürfe der Anklage werden weitgehend eingeräumt“, berichtete der Gutachter, Konstantin Karyophilis, aus den Gesprächen mit Niels H. Vom 17. März 2003 bis 22. Juni 2005 habe der Pfleger während seiner Dienstzeit im Klinikum Delmenhorst weiteren 30 Patienten das Mittel Gilurytmal in einer Dosis verabreicht, die für die Rhythmusstörungen sorgte. Die Patienten wurden daraufhin „reanimationspflichtig“, waren also an der Schwelle zum Tod.

In diesen Fällen misslangen die Wiederbelebungsversuche; die Menschen starben. Dass Niels H. die Krisen auslöste, blieb über Jahre unerkannt. In weiteren 60 Fällen spritzte Niels H. das Mittel Gilurytmal, die Patienten überlebten jedoch. Stimmten die Angaben, hätte der Angeklagte insgesamt 33 Morde und 62 Mordversuche begangen.

Der Angeklagte gab gegenüber dem Psychiater an, zuvor am Klinikum Oldenburg, wo er von 1999 bis Ende 2002 arbeitete, keinem Patienten geschadet zu haben. Auch in seiner Zeit als Rettungssanitäter im Jahr 2008 und in seiner Ausbildung in Wilhelmshaven Ende der 90er-Jahre habe er nie einem Menschen Schaden zugefügt.

Niels H. ließ auch erklären, dass er sein Geständnis ausdrücklich nicht als Versuch einer Entschuldigung werten wollte, weil seine Taten nicht entschuldbar seien. Er wies darauf hin, dass er an der Hauptverhandlung „zutiefst beschämt“ teilnehme.

Mit dieser Erklärung ist das Verfahren aber noch lange nicht zu Ende. Das Gericht wird nun versuchen, den Wahrheitsgehalt der Aussage zu überprüfen. Die 30 eingestandenen Tötungen werden von dem laufenden Ermittlungsverfahren gegen Niels H. erfasst, das möglicherweise in einen weiteren Prozess münden wird.

Ihre Mandantin Kathrin Lohmann, die 2003 ihre Mutter Brigitte Arndt durch Niels H. verlor, war überrascht über das Geständnis. „Sein Eingeständnis ist das einzig Positive an diesem Mann, der meine und andere Familien zerstört hat“, sagte sie der Morgenpost.