Kriminalität

Die Lebensbeichte des Ex-Richters

Jörg L. steht vor Gericht, weil er Klausurlösungen für das juristische Staatsexamen verkaufte

„Ich möchte Verantwortung für mein Handeln übernehmen“: So leitete Jörg L. am Dienstag seine persönliche Erklärung ein, die er am dritten Prozesstag am Landgericht Lüneburg verlas. Seit er im April 2014 in Untersuchungshaft genommen wurde, schwieg der frühere leitende Mitarbeiter des niedersächsischen Landesjustizprüfungsamtes (LPA). Nun machte er reinen Tisch – und legte eine Art Lebensbeichte ab, in der er versuchte, zu erklären, wie aus einem angesehenen Richter ein korrupter Betrüger wurde.

Jörg L. wirkt aufgeregt und ist schwer zu verstehen. Die Vorwürfe, die ihm die Anklagebehörde mache, träfen weitgehend zu, sagt er. „Das tut mir heute unendlich leid und ich entschuldige mich bei allen Betroffenen für dieses Verhalten“, sagt der Angeklagte, der auf Raten seiner Anwälte bislang geschwiegen hatte. „Ich habe mich zu etwas hinreißen lassen, was unentschuldbar ist“, so Jörg L. weiter. Mit seinem umfassenden Geständnis wolle er seinen ehemaligen Komplizen die Aussage ersparen. Mit einem deutlich kürzeren Verfahren ist so auch zu rechnen.

Aber warum verkaufte er Lösungsskizzen an Referendare, die das Staatsexamen vor sich hatten? Warum setzte er seinen Beruf und seine Pension aufs Spiel? Jörg L. erklärt das so: Er habe zum einen Studenten mit Migrationshintergrund helfen wollen, die aufgrund der Sprachbarriere Schwierigkeiten bei den Klausuren und so einen Nachteil hätten. Manche seien ihm auch sympathisch gewesen, hätten sich ihm mit ihren Prüfungsängsten anvertraut. Ihnen habe er „helfen“ wollen. Zum anderen fühlte er sich zu manchen Studentinnen hingezogen, ihnen wollte er imponieren. Maria G. etwa sei „außergewöhnlich gutaussehend und charmant“ gewesen, er habe sich „zu ihr hingezogen gefühlt“. Mit ihr führte er eine „eine heimliche intime Beziehung“, die aber Anfang 2014 zerbrach.

5000 Euro für ein gutes Examen

Doch die Hilfestellung ließ sich Jörg L. auch etwas kosten. War die Verzweiflung oder der Ehrgeiz der Prüflinge groß, unterbreitete er sein unmoralisches Angebot. Für 20.000 Euro bot er die Klausurergebnisse an, die meisten zahlten jedoch nur um die 5000 Euro. Mindestens zwei Referendare lehnten aber von vorneherein ab und teilten mit, dass das für sie nicht infrage käme. Um sich vor Ermittlungen zu schützen, drohte Jörg L. einigen Kandidaten an, diese strafrechtlich wegen übler Nachrede verfolgen zu lassen, wenn sie die Offerte publik machen würden – ein unbarmherziger Samariter. Auch das gestand der Angeklagte in seiner Erklärung ein.

Dass Wackelkandidaten im Staatsexamen plötzlich erstklassige Noten erzielten, fiel den Mitarbeitern im LPA durchaus auf. Der Zeuge Ralf B., ein Mitarbeiter von Jörg L., erinnerte sich am Dienstag an die zuletzt aufgeheizte Stimmung im Amt. „Jeder hat jeden verdächtigt“, sagte er. „Der Laden war kurz davor, in die Luft zu gehen.“ Vom Pförtner bis zum Präsidenten arbeiten 23 Mitarbeiter in der wichtigen Minibehörde. Theoretisch konnte jeder das Leck sein. „Ich habe jeden vor meinem geistigen Auge überprüft“, sagte der Jurist Ralf B. „Aber ich hatte eben keine konkreten Anhaltspunkte.“

L.s Schützlinge wurden übermütig und bemühten sich gar nicht erst, den Anschein einer regulären Prüfung zu wahren. So fiel einer Aufsicht auf, dass ein Kandidat ein wenig im Gesetzbuch blätterte und dann, wie aus dem Nichts, die Klausur in Rekordzeit herunterschrieb.

Ralf B., der lange bei der Staatsanwaltschaft arbeitete, regte an, die Strafverfolgungsbehörde einzuschalten und „sofort bei uns durchsuchen zu lassen“. Doch der Präsident entschied sich für den Dienstweg und übergab den Vorgang an das Justizministerium. Ralf B. gibt noch an, dass der Angeklagte „mit Leib und Seele Prüfer war“ und vor seiner Tätigkeit im LPA auch in Hamburg als Repetitor gearbeitet hatte. Also als Tutor, der mit angehenden Prüflingen das relevante Prüfungswissen in Crashkursen und gegen reguläre Bezahlung einübt. Üblicherweise reicht das an der Universität vermittelte Wissen für die Prüfung nicht aus.

Jörg L. hatte lange das Gefühl, dass seine illegalen Tipps aufgrund der offenkundig laschen Sicherheitsvorkehrungen nicht rauskommen würden. Doch als er am 27. März 2014 einen Termin im Ministerium hatte, wusste er schon, dass gegen ihn ermittelt wurde. Als ihm die Vorwürfe eröffnet wurden, floh er Hals über Kopf nach Mailand, wo er Tage später mit einer rumänischen Prostituierten, einer geladenen Waffe mit 47 Schuss Munition und 30.000 Euro in bar aufgegriffen wurde. „Ich wollte mir das Leben nehmen“, sagte er in seiner Erklärung. Ob er seinen 16-jährigen Sohn und seine Frau in diese Pläne eingeweiht hatte, sagte er nicht.

Die Anwälte des Angeklagten äußerten sich zufrieden: „Mein Mandant hat heute eine Lebensbeichte abgegeben. Das verdient großen Respekt“, sagte der Strafverteidiger Oliver Sahan von der renommierten Kanzlei Roxin.